Leitartikel zum Berliner Stadtschloss: Macht das Schloss auf!

Natürlich ist es zu spät. Fast zu spät. Der Form nach sowieso. Seit März dieses Jahres hat die Firma Hochtief angefangen, das Berliner Schloss zu bauen. Wer jetzt noch wie Stephan Braunfels mit einem radikalen Änderungsplan ankommt, der muss eine Menge Mut haben. Er muss von seiner Idee mehr als überzeugt sein, wird er doch wissen, dass er am Ende als eitler Querulant dastehen könnte. Als Verletzer der Standesregeln. Als einer, der nach einem überaus erfolgreichen Berufsleben mal eben so als Scharlatan bezeichnet wird.

Genauso ist es gekommen. Stephan Braunfels leide unter der Profilneurose eines Architekten im Rentenalter, formuliert es das Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieursvereins zu Berlin, Tobias Nöfer. Unabhängig wie man zur Güte des geplanten Baus und des Alternativvorschlags stehe, sei doch klar, dass Braunfels’ Einmischung ein Schlag ins Gesicht des planenden Architekten ist.

Das stimmt. Höflichkeit geht anders. Wer jedoch, wie Braunfels, die Chance sieht, einen eklatanten Fehler zu verhindern, an dem Berlin noch für Generationen in seiner städtebaulichen Mitte leiden wird, der hat durchaus das gute Recht, sich noch einmal im allerletzten Moment nach vorn zu drängeln und die Aufmerksamkeit des Bauherrn zu suchen. Das sind letztlich wir alle, die Steuerzahler.

Es gibt kaum jemanden in der Stadt oder im Bund, dem offiziellen Bauherrn, der Franco Stellas brutalistischen Entwurf für die Ostfassade des Schlosses noch entschlossen verteidigen würde. Selbst die unmittelbar Betroffenen, die Herren der Stiftung Berliner Schloss um ihren Motor und Mentor Wilhelm von Boddien, argumentieren nicht mehr mit den ästhetischen Qualitäten des von Braunfels so heftig attackierten Ostflügels.

Sie argumentieren mit dem Fortschritt der Bauarbeiten, den Umplanungskosten, den Regularien – lauter Formalien, auf die man sich zurückzieht, wenn man längst selber spürt, dass es der große Wurf nicht ist, der hier scheinbar unaufhaltsam Form annimmt.

Ich gebe gern zu, dass ich von Franco Stellas Entwurf zum Zeitpunkt der Jury-Entscheidung 2008 beeindruckt war. Doch der häufige Blick auf die Bauzeichnungen und städtebaulichen Simulationen ermüden jetzt schon – lange bevor der Bau fertiggestellt ist.

Die Zeiten, in denen der brutale Kontrast von Barock- und Rasterfassade faszinieren konnte, sind schon wieder vorbei. Sensiblere Formen der Korrespondenz zwischen neu und alt, mit denen auch Berlin, beispielsweise durch den Architekten David Chipperfield, bereichert wird, haben das Auge geschult.

Gegen Stellas rigoros minimalistischen Riesenriegel werden die Mediaspree-Bauten geradezu fantasievoll erscheinen. Es war die rabiate Ungemütlichkeit des Ostflügels, die vor fünf Jahren attraktiv wirkte, weil sie ein angemessener Preis zu sein schien für den ideologisch zweifelhaften, gar etwas kitschigen Luxus der Schlossrekonstruktion. Stellas Ostfront erschien nach den quälenden Debatten als angemessene Ablasszahlung für die Sentimentalität, die sich Berlin in seiner Mitte leisten wollte.

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Einen schmerzhaften Tribut an die moderne Architektur zu zahlen, um dafür an drei Seiten das ästhetisch reaktionär erscheinende Schloss zu bekommen, das ist typisch für Berlin und eine durchaus sympathische Geste. Nur: Ihre Überzeugungskraft kommt über das Planungsstadium nicht hinaus. Danach beginnt die Sache anzuöden. Man braucht nicht viel Fantasie, um in der architektonischen Bußfertigkeit, sollte sie je gebaute Realität werden, ein quälendes Monument des Masochismus zu erkennen.

Stephan Braunfels’ Entwurf ist menschenfreundlicher und dabei viel radikaler: Auch er will, genau wie Stella, das Schloss so bauen, wie es nie gewesen ist. Doch sein Tribut an die Moderne besteht in der Kunst des Weglassens. Indem die Ostfassade entfällt und der Schlüterhof sich zur Stadt hin öffnet, gewinnt das Schloss eine Zugänglichkeit, die es in seiner feudalen Funktion nicht haben konnte, nicht haben durfte. Stadträumlich ist das ein Geniestreich, der es wert ist, die quälenden Prozeduren der Umentscheidung und Umplanung auf sich zu nehmen.

Ordnungspolitisch wäre das eine Fortsetzung der vertrackten Probleme, die dem verrückten Projekt von vornherein innewohnten. Nun aber könnte es sich einer viel größeren Zustimmung der Berliner sicher sein. Mit der räumlich erschlossenen Achse zwischen Fernsehturm und Schloss hätten sie zwei Beispiele historischer Repräsentationsarchitektur, die sich sinnfälliger nicht gegenüber stehen könnten. Mit einem Mal hätte das Ding wirklich seinen Sinn. Nun wird Politik gebraucht.