Matthias Platzeck ist wieder da. Fast sieben Jahre war Brandenburgs Ministerpräsident von der größeren Bildfläche verschwunden, seit seinem Rücktritt vom Bundesvorsitz der SPD. Nun ist er wieder präsent in Talkshows, überregionalen Nachrichten und Polit-Runden. Und das in seiner Paraderolle als Krisenmanager: War es einst der Einsatz gegen die Oder-Flut, der ihn bekanntmachte, versucht er es nun mit dem Pannenflughafen BER. Die Erwartungen sind groß, die Skepsis auch.

Beides liegt begründet in der Aufgabe, die er übernimmt, und in der Person Platzeck. Als Vorsitzender des Flughafen-Aufsichtsrates muss er das organisieren, was er einen Neustart nennt. Das klingt harmlos, als müsse nur noch einmal der Zündschlüssel umgedreht werden. In Wirklichkeit geht es um eine fundamentale Überprüfung des bisherigen Projekts und nachfolgende Um- oder Neubauten, das alles verbunden mit weitreichenden Personalwechseln in Geschäftsführung wie Kontrollgremien und vermutlich dem Ersetzen mancher Bau- oder Zulieferfirma. Kein Zweifel: Platzecks neuer Job ist einer der schwierigsten und undankbarsten, die gerade zu vergeben sind. Selbst das Amt des griechischen Ministerpräsidenten verspricht mehr Erfolg und Ruhm.

Der Hoffnungsträger

Platzeck ist zu klug und zu erfahren, um das zu ignorieren. Schon einmal galt er als Hoffnungsträger nicht nur seiner Partei, als erfolgreichster Ostdeutscher neben Angela Merkel. Die Kanzlerkandidatur 2009 schien ihm sicher, seine Kanzlerschaft vielen bloß eine Frage der Zeit. Dann tauchte Platzeck ab, aus gesundheitlichen Gründen. Richtete sich ein in seinem kleinen Land, das er kennt und wo sie ihn mögen. Vor dem Dienst Joggen, am Nachmittag ein Erntefest eröffnen – so sah zuletzt oft Platzecks Politikerleben aus.

Nun verfährt er nach dem Motto: Große Herausforderungen wecken neue Kräfte. All das, was er früher vorbrachte, um seinen Rückzug aus der großen Politik zu begründen, soll plötzlich nicht mehr gelten: Überschaubar ist der BER noch weniger als die SPD, Auszeiten sind unmöglich – und mit dem „Ganz oder gar nicht“, das er als Parteichef zur Maxime erhob, ist es auch vorbei: Er will zwei Ämter ausüben, die schwer miteinander vereinbar sind.

Ein Aufsichtsrat ist aber kein Jungbrunnen für Politiker im zweiten Frühling. Platzeck muss sich fragen lassen, was seine Motive für die Doppelfunktion sind und welche Fähigkeiten er für den Posten des BER-Chefaufsehers mitbringt. Offiziell beruft er sich in preußisch-lutherischer Manier auf eine Art Notstand: Er könne, dürfe und werde sich nicht in die Büsche schlagen, hat der Ministerpräsident vor dem Vertrauensvotum im Landtag gesagt. Hinzu kommt ein ostdeutsches Thema, ein Erbe der DDR-Bürgerbewegung. Platzeck hat zu Wendezeiten erfahren, dass es besser sein kann, Risiken einzugehen, um sie zu verringern. Oder wie Wolf Biermann sang: „Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um.“ Nun befürchtet Platzeck, mit dem Ruf des Flughafens werde seine Macht erodieren. Bevor er die Rettung anderen überlässt, macht er es lieber selbst. Um weiter Weinköniginnen küssen zu können, will er sich in Kabelschächte und Akten vertiefen. Ein verständliches Motiv – aber keine tragfähige Grundlage, um das Pannenprojekt Flughafen doch zum Erfolg zu führen.

Ein Mann des Dialogs

Bei den Fähigkeiten sieht es ähnlich aus. Der neue Chefkontrolleur ist ein Mann des Dialogs und des Ausgleichs, weit mehr als sein Vorgänger Klaus Wowereit. Platzeck wirkt offen, verbindlich, geerdet. Sein erklärtes Ziel, dem Flughafen mehr Akzeptanz zu verschaffen, lässt sich so womöglich erreichen. Aber reicht das? Am Beginn des Desasters und der fälligen Krisenbewältigung stehen Kompetenzwirrwarr, widerstreitende Interessen, Eitelkeiten – alles Dinge, die Platzeck verabscheut und mit denen er als SPD-Chef schlecht umgehen konnte. Falls er daraus gelernt hat, so hat er es für sich behalten.

#image1

Natürlich bieten die Lage am Bau wie die Vorgeschichte Platzecks auch Chancen. Auf einen Erfolg des Flughafens würden derzeit nur Hasardeure wetten. Auf Platzeck ruhen Hoffnungen, aber keine Heilserwartungen wie 2005 in der SPD. Dennoch: Indem er die Ämter als Chefaufseher und Regierungschef zu kombinieren versucht, läuft er Gefahr, beide nicht hinreichend auszufüllen. Hier liegt das Hauptrisiko, nicht in seinem bisherigen Wirken im Aufsichtsrat, der das Kontrollieren vergaß. Wer wie Platzeck auf die politische Oberhoheit beim Flughafenbau pocht, muss bereit sein, dafür einen politischen Preis zu zahlen. In Brandenburg hätte die SPD, anders als in Berlin, sogar einen Nachfolger als Ministerpräsident aufzubieten. Ganz oder gar nicht – dem Flughafen wäre so am besten gedient.