„Er rollt und rollt und rollt.“ „Plaste und Elaste aus Schkopau.“ „Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer.“ Es gibt wohl nicht viele Werbesprüche, die sich ins Gedächtnis von Generationen eingebrannt haben, oder an die man sich zumindest so gewöhnt hat, dass sie in den Sprachgebrauch eingeflossen sind. Bei „be.berlin“ hat das nie so richtig funktioniert – zu kryptisch und zu fremdsprachig.

Jedenfalls hat der 2008 von einer 17-jährigen Schülerin geprägte Spruch (im Original: „Sei einzigartig, sei vielfältig, sei Berlin“) nach Auffassung des Senats jetzt ausgedient. Der rote Schriftzug „be.berlin“ mit einem stilisierten Brandenburger Tor dazwischen als „kommunikatives Dach des Stadtmarketings auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene“, wie es in einem Entwurf heißt, soll ersetzt werden. Aber wie? Und wodurch?

Der ganz große Berliner Mix

Dafür hat der Senat ein großes Projekt aufgesetzt. Sechs Schritte – genannt Recherche, Ethnographische Forschung, Experteninterviews, Repräsentativbefragung, Stakeholder-Beteiligung und Entwicklung finales Leitbild – sind seit vorigem April absolviert worden, rund 3000 Personen haben sich in Konferenzen, Interviews und Befragungen beteiligt: Frauen und Männer, Junge und Alte, Berliner und Nicht-Berliner, Religiöse und Religionsferne: der ganz große Mix aus unzähligen Lebensbereichen. Sie haben sich beteiligt und die Grundlage geschaffen für die Suche nach einem Leitbild für Berlin, quasi nach der DNA der Stadt.

Die erste Phase ist nun abgeschlossen, die Basis für die endgültige Suche nach der Berlin-DNA in Stufe zwei sollen dann Agenturen übernehmen. Doch schon jetzt, ein Jahr und 210.000 Euro später, die der Prozess bisher kostete, lässt sich bilanzieren: So eine Doppel-Helix für eine Stadt zu finden, ist hochgradig komplex. Schließlich wird nichts weniger gefordert als die Quadratur des Kreises. Wie soll man Lebenswirklichkeit und Wünsche von 3,6 Millionen Menschen, Anforderungen von Start-up- und Tourismusindustrie in einem Claim zusammenfassen, der auch weltweit verstanden wird?

Und ein solcher Leitspruch soll ja auch eine Weile Gültigkeit haben. Wie sich ein Claim, wie das Werber nennen, wandeln kann, ist schön anschaulich am Begriff der „wachsenden Stadt“ zu sehen. Vor wenigen Jahren noch feierte sich der Senat dafür, einer wachsenden Stadt vorzustehen – endlich nach Jahren des Schrumpfens nach dem Mauerfall, trotz aller Hauptstadtbeschlüsse und Umzüge aus Bonn.

Die Vier-Millionen-Grenze kommt wieder in Sichtweite

Mittlerweile wächst Berlin um rund 40.000 Menschen pro Jahr. Selbst die Vier-Millionen-Grenze, die zuletzt im Kriegswinter 1944/45 erreicht war, kommt wieder in Sichtweite. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit und mit ihr auch der Schuldenberg sinkt – endlich. Erst nach und nach merkt die Politik, dass die wachsende Stadt auch eine Herausforderung ist. Denn Wachstum bedeutet zugleich Verteuerung, Veränderung, Verdrängung. Die wachsende Stadt taucht in den Senatsunterlagen kaum noch auf.

Was muss so ein Claim also alles widerspiegeln? Auf jeden Fall muss er die Schlüsselbegriffe der Stadt mitdenken und mitfühlen – die, für die die Stadt stand und steht.

Zum Beispiel Freiheit. Die „freie Stadt“ ist so alt wie Berlin selbst und bezeichnete die Städte, die sich aus der Herrschaft von Bischöfen befreit hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt nur West-Berlin als frei – frei von Sozialismus. Mit dem Mauerfall 1989 galt dies endlich für die gesamte Stadt. Besucher aus aller Welt wissen das, deswegen kommen sie zu Millionen. Wie ist der Stand der Freiheit heute? Der Begriff hat seine Bedeutung geändert. Wir sprechen von Freiräumen zum (Aus)-leben und müssen feststellen, dass die in der Innenstadt knapper werden.

Berlin: 3,6 Millionen Lebensentwürfe

Gleichzeitig stellt sich dem Motto „Alles geht“ der Wunsch nach mehr Miteinander in Nachbarschaften und Kiezen entgegen. Immer mehr Menschen finden Müll, Profilierungsfahrten und andere Auswüchse des Laissez-faire nicht cool oder gar berlinisch, sondern nur störend und belästigend.

Interessant, dass sich die Berliner Grünen auf ihrem Parteitag am Sonnabend explizit für das Recht auf selbstbestimmtes Leben einigten. Weil sich jeder einzelne dieser Lebensentwürfe in der Minderheit befinde, es aber eben insgesamt 3,6 Millionen Stück seien, ergäben alle Entwürfe zusammen eine Mehrheit. „Wir machen damit Politik für die große Mehrheit. Wir sind die Realisten“, sagte die frühere Parteichefin Bettina Jarasch auf dem Parteitag. Aber wie viele Berliner nimmt man damit wirklich mit? Reicht das aus?

Die Liebe zur eigenen Stadt

Man habe eine Reise ins Innere der unzähligen Lebenswelten unternommen, schreiben die Autoren des Entwurfs aus der Senatskanzlei, „eine Expedition in die DNA Berlins“. Das Ergebnis soll ein „modernes Leitbild sein, das die Marke Berlin weiterdenkt, ihren Kern und ihre Werte definiert, ihre Stärken betont und die Berliner in ihrer Liebe zur eigenen Stadt bekräftigt“. Denn Berlin-Bashing betreiben bekanntlich nicht nur die, die von außen auf die Stadt schauen, schreiben sie. Tatsächlich fragen sich Berliner so manches Mal laut, was Touristen oder Zugezogene an der Stadt eigentlich so anziehend finden.

Noch ist nicht festgelegt, wann der neue Spruch gefunden sein soll. Bis dahin darf nur eines als sicher gelten. Der Berlin-Claim wird anders sein als „Brandenburg. Es kann so einfach sein“. Wäre ja auch gelogen. Aber vielleicht: „Dit is Berlin“?