Professor Axel Klausmeier blickt aus seinem Büro im Mauer-Dokumentationszentrum Bernauer Straße direkt auf das letzte Stück des erhaltenen Todesstreifens der früheren DDR-Grenze, die Berlin teilte. Wie jeden Tag bevölkern Hunderte Besucher das Freigelände, lassen sich von Guides die Sperranlagen erklären, hören sich Aufnahmen von Reden Walter Ulbrichts an – und betrachten still die Fotos, die an die 138 dokumentierten Maueropfer erinnern.

Herr Klausmeier, beim Zeitunglesen hat man heute den Eindruck, die DDR und der SED-Sprech existiere noch. Im Zusammenhang mit der aktuellen Fluchtbewegung ist von „kriminellen Menschenhändlerbanden“ die Rede, auch ein Schießbefehl wurde gefordert. Spielt das in Ihrer Arbeit eine Rolle, oder blicken Sie streng historisch zurück?

Nein, wir sind unmittelbar mit den aktuellen Ereignissen konfrontiert, unter anderem dadurch, dass in einem Teil des früheren Aufnahmelagers für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde, das zu uns gehört, rund 700 Flüchtlinge aus Syrien untergebracht sind. Es gibt auch erstaunte Gesichter von Schülern in unseren Seminaren, wenn wir zum Beispiel das Wort „Fluchthelfer“ benutzen. In unserem Kontext ist das sehr positiv besetzt, etwa wenn es um West-Berliner geht, die Tunnel gruben, um Menschen zur Flucht aus Ost-Berlin zu verhelfen.

Heute verstehen die Schüler darunter Kriminelle, die gegen Geld Kriegsflüchtlinge aus Syrien in einen Lkw pferchen und denen es egal ist, ob die Menschen darin ersticken. Das führt zu Diskussionen. Wir können auch historische Bezüge zur aktuellen Situation herstellen, was Flucht, Ankommen und Integration von Millionen DDR-Bürgern in der Bundesrepublik angeht. Insbesondere beim Thema Integration habe ich die Hoffnung, dass wir aus den Erfahrungen von damals heute Nutzen ziehen können.

Beschäftigt es Sie, dass heute in Europa wieder Stacheldrahtgrenzen aufgebaut werden?

Das bewegt mich sehr. Denn es sind Länder wie Ungarn, die damals die Öffnung der Grenzen eingeleitet haben, die jetzt als erste wieder Grenzen dichtmachen. Da wird etwas von der unglaublichen Errungenschaft von 1989, nämlich die friedliche Revolution und die Überwindung der Diktatur in der DDR und Osteuropa, teilweise rückgängig gemacht.

Können Sie mit Ihrer Arbeit dagegenhalten oder folgen die Besucher der Bernauer Straße einfach einer touristischen Gedenkroutine, die man abhakt wie das Brandenburger Tor?

Natürlich sind wir ein wichtiger touristischer Ort in Berlin, wir haben rund eine Million Besucher im Jahr. Darunter sind viele junge Leute, für die die DDR und die Mauer nur Geschichte sind und die sich hier mit den Folgen der Teilung Berlins und den Schicksalen der Opfer auseinandersetzen. Viele Besucher nehmen sich Zeit für den Besuch der Gedenkstätte, nach unseren Befragungen im Schnitt knapp eineinhalb Stunden. Das zeigt, dass man sich auf diesen Ort einlässt. Offenbar ist es uns gelungen, die Bernauer Straße als Ort zu etablieren, der wissenschaftlich gesicherte Informationen und vertiefendes Hintergrundwissen über die Teilung Berlins und Deutschlands und ihre Überwindung anschaulich vermittelt. Da bleiben auf dem Freigelände, dem ehemaligen Todesstreifen, oft auch junge Leute aus aller Herren Länder in der Ausstellung „hängen“, die eigentlich zu Karaoke in den Mauerpark wollen. Das ist erfreulich.

DDR und Mauer liegen in der Restmülltonne der Geschichte. Warum die Jugend noch ewig damit behelligen?

Es geht nicht nur um konkrete historische Ereignisse an der Mauer und um ihren Fall. Was wir in unseren Seminaren mit Schülerinnen und Schülern immer wieder erleben ist, dass es kaum oder keine Kenntnisse und kaum Bewusstsein darüber gibt, was der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur ist. Den Begriff Stasi haben viele zwar mal gehört, aber über politische Verfolgung durch die SED, über fehlende Gewaltenteilung oder fehlende Meinungsfreiheit in der DDR gibt es bei vielen Schülern so gut wie kein Wissen. Das ist für die weiter weg als Pompeji. Wir leisten deshalb neben der Vermittlung von historischem Basiswissen auch Grundlagenarbeit in Sachen Demokratie.

Das Interview führte Thomas Rogalla.