Mein Freund der Baum: Ben Wagin und Monika Grüters pflanzen einen Kirschbaum.
Foto: Christian Schulz

BerlinKulturstaatsministerin Monika Grütters zuckt vor dem Stempel, den Aktionskünstler Ben Wagin ihr Donnerstagvormittag am Eingang zu seinem Parlament der Bäume auf den Handrücken drücken will, nicht zurück. Im Gegenteil! Sie will mehr davon, verlangt eine Wiederholung: „Ich sitze heute noch auf der Regierungsbank, das muss ordentlich aussehen!“ Dann schnappt sie sich den Stempel und versieht auch Wagin damit.

Die Politikerin lässt sich von ihrem Mappenträger, der später auch noch mit dem Taschentelefon der Politikerin ein Erinnerungsfoto schießen wird, das Manuskript ihrer Ansprache reichen. Von dem weicht sie immer wieder ab, um auf die sympathisch schwatzhaften 23 Schüler der Grundschule Neues Tor einzugehen, von denen sie umzingelt ist. Die Kleinen kennen Ben schon, weil sie regelmäßig zum Parlament der Bäume kommen, um dort zu gärtnern und als Stadtkinder die Erfahrung zu machen, dass Kräuter eben doch nicht aus der Tiefkühltruhe des Supermarkts kommen.

Die Politikerin, von der die Schüler noch nie gehört haben, erzählt ihnen also über diesen 90-Jährigen, der wegen Corona seinen Geburtstag Ende März nicht groß feiern konnte, dass er in drei Jahrzehnten der Beharrlichkeit die letzten Mauerstücke im Regierungsviertel gesichert hat: „Die Energie, die der mit 90 hat, haben andere mit 30 nicht.“ Sie fragt die Kinder, ob sie schon mal gesehen haben, wie Ben einen Baum umarmt. Sie haben. Ein Mädchen ruft dazwischen: „Habe ich auch schon. Da spürt man die Energie des Baumes.“ (Hach! Wenn man diese Kinder hört, ist einem für einen kurzem Moment um die Zukunft nicht mehr bange.)

Die Kulturstaatsministerin erzählt, dass Ben „eigentlich immer Regie führt“ und wie er „lästig war“, um das Parlament der Bäume zu sichern. Das findet sie gut, denn „da geht es um Natur und Geschichte“. Wenn sie über Ben Wagins „große Sturheit“ spricht, klingt das absolut bewundernd. Und die 23 Schüler lernen jetzt eine wichtige Lektion für ihr Leben. Die lautet: Sturheit zahlt sich aus. Die Kulturstaatsministerin hat 120.000 Euro mehr als bisher für die Stiftung Berliner Mauer im Haushaltsplan für das nächste Jahr klargemacht, von denen 70.000 für die Erhaltung des Parlaments der Bäume verwendet werden sollen. Michael Cramer, Mitglied des Europäischen Parlaments und neben Monika Grütters einer der treuesten Unterstützer von Ben Wagin, ruft dem zu: „Dann bist du ja jetzt ein richtig reicher Knacker!“

Danach wird ein Kirschbaum gepflanzt. Die Kulturstaatsministerin liebt Kirschen und verabredet sich mit den Grundschülern zum Kirschenessen nächstes Jahr. Die haben ihr beim Pflanzen geholfen und jetzt alle dermaßen dreckige Pfoten, dass die Politikerin Ben losschickt, um den Wasserhahn aufzudrehen. Das dauert ein bisschen (ein alter Mann ist kein D-Zug!), aber schließlich fließt das Wasser und die Kinder können wieder einigermaßen in den Zustand versetzt werden, in dem sie sich vor dem Kontakt mit der Pflanzerde befanden. Jetzt noch das Erinnerungsfoto und dann gibt es Streuselkuchen!