Berlin/Wien - Es gibt nicht viele Frauen, die von ihrem Mann gefragt werden, ob sie denn nicht mal wieder eine Jeans anziehen wollten. Lena Hoschek ist so eine. Die österreichische Designerin trägt kaum einmal Hosen, sondern konsequent den Stil der Fünfzigerjahre: schwingende Röcke, schmal in der Taille, Blusen mit Puffärmeln, Kleider mit Miederbund und feinen Stickereien. Und die passende Frisur dazu scheint ebenfalls aus einem Heimatfilm jener Ära zu stammen: aufgesteckte Haare, ein seitlich geflochtener Zopf ist wie ein Ährenkranz über den Kopf gelegt.

Erblicke sie tatsächlich mal jemand in Jeans, erzählt Lena Hoschek, dann sage sie demjenigen immer: „Du hast mich so nie gesehen!“ Ach, wie gern sie auch einmal Latzhosen trüge, aber nein, es stehe ihr einfach nicht. Wenn man so will, dann ist Hoschek auch deshalb Modeschöpferin geworden, um immer die passgenaue Kleidung zur Hand zu haben.

Alle ihre Kollektionen sind geprägt von dem, was sie selbst liebt und für ihre Figur passend findet: von den Fifties, von Rockabilly und Petticoats, von Pin-Up-Posen – die sie perfekt beherrscht, um sich für ein Foto in Szene zu setzen – und den adretten Hauskleidern jener Zeit.

Trachten sind eine weitere Inspiration, so, wie sie in ihrer Heimat, der Steiermark, mit alltäglichem Selbstverständnis getragen werden, ganz anders als in den großen Städten, in denen die Mode auf die Laufstege gebracht wird und jeweils den Ausblick darauf liefern soll, was die Menschen in der Zukunft tragen sollen. Lena Hoschek schaut lieber in die Vergangenheit. Sie hat mit 14 ihr erstes Dirndl genäht, mit Hilfe ihrer Großmutter. Das prägt.

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Am heutigen Dienstag, dem Eröffnungstag der Fashion Week in Berlin, wird die 31-Jährige ihre Entwürfe für Herbst/Winter 2013/2014 vorstellen. Am Sonntagabend und nach Sichtung von ungefähr 200 Models, sitzt sie im Ankleidezimmer ihrer Berliner Boutique in der Weinmeisterstraße. Es ist ein Raum, den man sich eher wie ein Boudoir vorstellen muss: An den Wänden kleben großgeblümte Tapeten, davor stehen niedrige Damastsesselchen, Samthocker und Nierentische, die Stoffkabinen sind gerafft wie die Vorhänge eines Himmelbettes.

Vorne in den ebenfalls retroselig gestalteten Verkaufsräumen steht eine ausgeschlachtete Musiktruhe, in der ein iPod spielt, an den Stangen hängen Kleider in burgunderroter Spitze oder in Rehbraun mit getupftem Pinselmuster und Blusen, die den Busen dank einer zu knüpfenden Querschleife richtig gut rausbringen. Auf den marineblauen Strickjacken schwirren cremeweiße Herzchen, eins direkt über der Brust ist von einem Pfeil durchbohrt.

Seit dem Sommer 2009 ist Hoschek jede Saison in Berlin dabei, diesmal als eine von rund 50 Designern, die im Zelt zeigen. Und wenn es einen Schwarm, ein Herzblatt dieser Modewoche gibt, dann ist sie es. „Alle lieben Lena Hoschek“, so hat es der Kultur-Spiegel gerade geschrieben. Es scheint zu stimmen, denn bei keinem anderen Designer kommen die Menschen so beschwingt aus der Show, haben so gar keine Lust, das Gesehene spitzfindig zu demontieren, sondern stattdessen den festen Plan, es sich heute mal lustig zu machen.

Es ist, als wenn sich Hoscheks Lebensmotto ein bisschen auf das Publikum übertragen würde: „Genieße jeden Tag, so gut du kannst.“ Das klingt nach Kalenderspruch, aber es ist geradezu eine exotische Weisheit in einem Gewerbe, das allzu lange den Kult um das einsame, getriebene Genie betrieben hat und den Frohsinn über ein schönes neues Kleid nur zusammen mit einer Philosophie der Dekonstruktion und dem Hinweis auf Fronarbeit im Atelier zu liefern bereit war.

Panthergleicher Gang

Wenn das immer noch Dogma in diesem Business wäre, dann würde Lena Hoschek nicht nur vieles anders, sondern alles falsch machen. Die selbstversunkene Haltung vieler Designer, die nach Ende der Schau mit zwei Schritten aus der Deckung kommen, um sogleich entkräftet wieder zu entschwinden, fehlt dieser charmant energischen Person nämlich auch völlig. Hoschek kommt gern auf den Laufsteg, und wenn das Motto, wie im vergangenen Sommer, Mexiko ist, dann klebt sie sich sogar einen fetten Schnurrbart ins Gesicht, strahlend. „Man darf nicht vergessen, was für ein dankbarer Job das ist, dass man zweimal im Jahr etwas Neues machen darf“, sagt sie, gerade wieder aus ihrem Wiener Atelier in Berlin eingetroffen. „Nicht muss, darf! Alle, die das machen, sollen auch dankbar sein.“

Ein Defilee bei der Fashion Week kann man sich normalerweise wie einen Premierenabend im Fach des progressiven Tanztheaters vorstellen – allerdings mit sehr viel besser gekleideten, dauertelefonierenden und einander mit Wangenküssen ohne Berührung begrüßenden Menschen. Grundsätzlich ist die Stimmung abgeklärt, die Haltung blasiert und die Auftritte sind streng ritualisiert, von den die brüllenden Fotografen ostentativ ertragenden Prominenten für die erste Reihe bis hin zu den Alles-schon-gesehen-Modejournalisten. Über den weißen Laufsteg im innen tiefschwarzen Zelt ist Plastikfolie gebreitet, um seine Unversehrtheit zu bewahren, sie wird in letzter Sekunde in einer immer wiederkehrenden Choreographie von sehr nett anzuschauenden jungen Männern entfernt.

Lena Hoschek hingegen lässt Teppich auslegen, das sieht nicht nur hübscher aus, sondern verleiht den Models zu knallendem Rock’n’Roll auch einen weicheren, panthergleich federnden Gang, der mehr Sexappeal hat als bei Hoscheks Kollegen – und unabdingbar ist für eine Mode, die mit einem Hüftschwung in Szene zu setzen ist.

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Mitunter sieht es gar danach aus, als wenn die Mädchen Spaß an ihrem Job hätten, und das ist mehr, als andere Designer erwarten dürfen. Sie könne nichts damit anfangen, dass die Models immer größer und dünner zu sein hätten, sagt Lena Hoschek, dass in „unserer Gesellschaft des Überflusses“ die strenge Kasteiung wichtiger sei als die Strategie, es sich gut gehen zu lassen.

Als kleine Lektion macht sie ihren Gästen herrlich unernste Geschenke. Bei anderen Schauen wird in den vorderen Reihen mal eine Dose Haarspray, mal eine Strumpfhose und auch mal Schuh- oder Körpercreme in die steifen Papiertüten gesteckt. Bei Lena Hoschek gab es bislang unter anderem PEZ-Bonbons im Mickymaus-Spender, Spielzeug-Pistolen und, zusammen mit Bratapfel-Zimt-Marmelade, Vibratoren – das war die Kombi bei einer Kollektion, die Schluppenblusen und Blumenhosen mit Latex-Strümpfen und S/M-Elementen zusammenbrachte. Bondage allerdings bestand in diesem Fall eher nur darin, dass die Hände der Models am Rücken mit einem seidenen Schal zusammengebunden waren.

Stoffe und Schwelgereien

Sie sei eine Super-Traditionalistin, sagt Lena Hoschek von sich. Dafür spricht auch, dass sie sehr glücklich ihren Verlobungsring zeigt. Und plant, sich, wenn denn nach der Hochzeit Kinder da sind, in ihrer Heimatstadt Graz niederzulassen. Zugleich jedoch sucht sie in ihrer Arbeit nach einem Gegensatz, einem Widerspruch, der die Mode von gestern noch einmal spannend macht für heute, ansonsten wäre sie tatsächlich eine Außenseiterin auf der Fashion Week auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marilyn Monroe und Betty Page.

Für den Bruch, den Lena Hoschek meint, ist sie wieder einmal selbst das schlagendste Beispiel: Sie trägt eleganten Lidstrich und ein eng tailliertes, schwingendes Gewand mit feinem gelben Blumendruck auf schwarzem Grund. Um die Plateaustiefel dazu aber – sehr fest geschnürt vom Spann bis zum Knie – würde sie jede Domina beneiden. Die kurzen Ärmel am Kleid geben den Blick frei auf eine ziemlich große Tätowierung am linken Unterarm: den Panther, das feuerspeiende Wappentier der Steiermark. Links am Hals, oberhalb der Stehkragen-Rüsche, befindet sich eine weitere, wieder einer großen Liebe, dem Kleidermachen, gewidmet: Bügeleisen, Nadelkissen, Maßband und Schere sind wie in einer alten Illustration zueinandergefügt.

Damit ergibt sich genau jener Kontrast, den die Designerin mag: Punk und Folklore. Die nächste Winterkollektion ist Russland gewidmet, weil Lena Hoschek die knallbunten Tücher mit den Rosen darauf so mag, die üppigen Stickereien und die luxuriösen Stoffe – Schwelgereien, die sie im Styling kontern will, weil auch Pussy Riot eine Inspiration gewesen seien, die wegen eines Punk-Gebets gegen Putin in einer Moskauer Kirche zu Lagerhaft verurteilten Musikerinnen. Mehr Details? Verrät kein Designer, bevor seine Kollektion über den Laufsteg gegangen ist.

Lena Hoschek war 24, als sie sich selbstständig machte, nach einem Modestudium in Wien und einer Assistenz im Londoner Studio von Vivienne Westwood. Westwood dürfte eine gute Inspiration gewesen sein, mit ihrer Manie, historische Schnitte intellektuell zu durchdringen und wie nach einem Tornado wieder zusammenzusetzen. Allerdings, sagt Lena Hoschek, habe sie von Anfang an immer in ihrem Stil entworfen. Auch wenn die Lehrer sagten: „Experimentier doch mal mehr“, die avantgardeüblichen Kapuzen und asymmetrischen Kastenschnitte hätten sie nie interessiert.

Ihr Ideal ist die Sanduhr-Silhouette, und das scheint Wirkung auf Frauen und auf Männer zu haben, auch in der Hinsicht, dass oft die Männer die Frauen überredeten, doch mal wieder ein Kleid anzuziehen. „Die treusten Kundinnen sind die, die früher nur Hosen getragen haben“, sagt Lena Hoschek. „Für die hat sich das Leben um 180 Grad gedreht, sie werden ganz anders wahrgenommen und beachtet.“

Lena Hoschek, die allein auf 50 Quadratmetern in Graz begann, „mit Ikea-Raumteiler“, gebietet heute über 18 Mitarbeiter und mehrere Hundert Quadratmeter in einem prächtigen Wiener Zwanzigerjahre-Bau, „mit einem Stiegenhaus wie aus ‚Vom Winde verweht‘“, wie sie schwärmt. „So, wie ich hier vor Ihnen sitze auf diesem Sessel, das habe ich meinen Kundinnen zu verdanken“, sagt sie. So pragmatisch darf man es auch mal betrachten – und ohne Geschäftssinn und einen eigenen verlässlichen Kundenstamm können die Begabtesten in diesem Metier untergehen. Denn die Show und die tolle Aftershow-Party verkaufen noch keine Kleider, und die Großabnehmer können sich in der nächsten Saison schon wieder für den nächsten gehypten Designer entscheiden und den anderen fallen lassen. Oder, wie Lena Hoschek mit aller Inbrunst sagt: „Das Textilbusiness ist so eine Sau!“