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Die Berliner Türkin Sechin Bozkurt hat an der Kreuzberger Lenau-Grundschule eine Debatte um die zentrale bildungspolitische Frage unserer Zeit entfacht. Es geht um die Frage, wie das staatliche Schulsystem möglichst gleiche Bildungschancen für alle gewährleisten kann. Die resolute Frau mit dem Piercing über der Oberlippe wollte vermeiden, dass ihre Tochter in eine Klasse eingeschult wird, in der fast nur türkisch- und arabischstämmige Kinder sind. Gleichzeitig wurde nämlich an der Lenau-Schule eine weitere Klasse eingerichtet, in der fast alle Kinder Deutsch als Muttersprache haben. Die Klasse A3.

Sogar von Rassismus war die Rede

„Ich lasse mich nicht diskriminieren“, empört sich Kita-Erzieherin Bozkurt am Montagmorgen vor der Schule. Sie hat sich einen Anwalt genommen, woraufhin die Bildungsverwaltung und später auch die Schulleiterin einräumten, dass die von Frau Bozkurt beklagte Klassenzusammensetzung tatsächlich gegen das Schulgesetz verstoße.

Die zumeist deutschstämmigen Eltern der A3, die sich über ihre Kinder schon aus der Kita kennen, hatten sich als Gruppe dort angemeldet. Dieses Prinzip der Gruppenanmeldung hatte die Leiterin der Lenau-Schule vor drei Jahren eingeführt, um überhaupt noch deutschstämmige Kinder zu bekommen. Eigentlich ein Erfolgsmodell, denn dadurch kam es an der Schule zu einer breiteren Durchmischung der Schüler. Derzeit sind 75 Prozent aller Schüler nichtdeutscher Herkunft.

Die A3 aber ist für Frau Bozkurt eine elitäre Klasse von Eltern, die nicht wünschen, dass ihre Kinder mit allzu vielen türkisch- oder arabischstämmigen Kindern in eine Klasse kommen. Frau Bozkurts Tochter hingegen sollte in die A6 gehen. Dort waren die Migrantenkinder dann unter sich. „Das ist doch rassistisch“, sagt Meryem Kocak, eine andere Mutter. Starke Vorwürfe. Am Schultor gibt es hoch emotionale Diskussionen zwischen den Eltern.

Am Nachmittag kommt es dann – geleitet von zwei Mediatorinnen – zu einem Runden Tisch der verschiedenen Elternfraktionen. „Es ist unglücklich gelaufen“, entschuldigt sich Schulleiterin Karola Klawuhn und nimmt die Schuld für die gesetzeswidrige Klasseneinteilung auf sich. Man kann nur vermuten, dass sie auf diese Weise vielleicht noch mehr deutschstämmige Kinder an die Schule holen wollte. Nun werde man die Kinder austauschen müssen, sagt sie. Deutsche Erstklässler kommen in die A6 oder in die A1, wo bisher fast nur Migrantenkinder sind. Türkisch- und arabischstämmige Schulanfänger sollen in die A3, wo sie mit Kindern aus eher deutschen Familien gemischt werden.

Kein guter Start

Das ist kein guter Schulstart für Erstklässler. Zwei Wochen nach Schulbeginn sollen sie schon wieder in eine andere Klasse gehen. „Es gab Tränen, meine Tochter hatte sich mit ihrer Patin angefreundet“, sagte die Mutter einer Erstklässlerin. Einige Eltern drohten in erster Empörung, ihre Kinder wieder von der Schule zu nehmen.

Doch die Eltern der angeblich rein deutschen Klasse fühlen sich selbst diffamiert. „Ich bin kein Rassist, sondern selbst Migrant der ersten Generation“, sagt etwa Vater Jae-Hyun Yoo, der vor zehn Jahren aus Korea nach Berlin kam. Man habe sich beim Tag der Offenen Tür lediglich gewünscht, von den Lehrern der A3 unterrichtet zu werden, sagte ein anderer Vater. „Wir wollten nie eine deutsche Insel-Klasse.“ Sonst hätte man sich die Lenau-Schule nicht ausgesucht. Eltern verweisen darauf, dass an der benachbarten Reinhardswald-Grundschule viel weniger türkischstämmige Kinder angenommen würden.

Tatsächlich sprechen nicht wenige der 25 Kinder, die in der angeblichen „Deutschen“-Klasse sind, zu Hause zwei Sprachen, entstammen binationalen Partnerschaften. Neben Deutsch wird etwa Koreanisch, Kroatisch oder Türkisch gesprochen. Aber nur 3 dieser 25 Schulanfänger gelten als „Kinder nichtdeutscher Herkunftsprache“, so die bürokratische Bezeichnung. Das heißt, dass im Haushalt vornehmlich eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird. In der Klasse A6 wiederum beträgt dieser Anteil 100 Prozent, obwohl die große Mehrheit der Kinder und Eltern einen deutschen Pass hat, so wie Sechin Bozkurt. „Und ich habe auch einige Bücher zu Hause“, fügt sie an. Sie sei keine bildungsferne Migrantin, wie es immer in den Medien heiße. Sie übersetze für andere Eltern, die kaum Deutsch sprechen.

Barbara Hauer aus der A3 versucht zu vermitteln. Die Frau aus Schwaben sagt: „Letztlich ist die Politik gefordert, ein Konzept für Grundschulen zu entwickeln, das zu einer besseren Durchmischung der Klassen führt.“