Carlotta, Johanna und Muna wissen noch genau, wie es damals war: „Jeder hat ein Gedicht in eine Plastikfolie gesteckt und mit einem weißen Band an einen Luftballon gebunden. Dann haben wir ein Lied gesungen und die Ballons losgelassen“, sagen sie.

Die drei Mädchen sind sieben Jahre alt und besuchen die zweite Klasse der Lenau-Grundschule in Kreuzberg, und wie ihre Mitschüler haben sie im November vorigen Jahres mit Helium gefüllte Ballons losgeschickt. 350 Ballons mit Gedichten und einer Bitte an die Finder um Antwort stiegen in den Berliner Himmel. 34 Antworten sind zurückgekommen. Diese Antworten und die Gedichte der Lenau-Schüler sind von diesem Mittwoch an im Rathaus Kreuzberg zu sehen.

Kräftiger Südwestwind

„Wir machen diese Aktion im Rahmen unseres Lesefestes seit fünf Jahren, aber so viele Rückmeldungen hatten wir noch nie“, sagt die Lehrerin Sibylle Recke. Es muss ein kräftiger Südwestwind geweht haben, denn alle Rückmeldungen kamen aus nordöstliche Richtung.

Schon am 12. November, einen Tag nach der Aktion, meldete sich eine Geburtstagsgesellschaft vom Ostseestrand im ostholsteinischen Neustadt an der Schule. Post kam auch aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, aus Dänemark und sogar aus Norwegen. Ein Ballon wurde nördlich von Oslo gefunden, er ist also 1144 Kilometer weit geflogen.

Wo und wie die Ballons gefunden wurden, wird in der Ausstellung dokumentiert. So holte der Hund einer Familie beim Muschelsuchen an der dänischen Ostsee eine lange Schnur aus dem Wasser, daran hingen noch der Brief und der Ballonrest.

Einladung nach Dänemark

Eine Bäuerin aus Dänemark fand einen Ballon im Tang am Meer. Sie schickte etwas Seetang und einige Muscheln nach Kreuzberg und lud die Familie des Briefschreibers aus der 3. Klasse zu sich ein. Eine Frau aus Schwerin schickte ein Gedicht zurück, und die zehnjährige Tochter eines brandenburgischen Landwirts aus Döllen schrieb, ihr Papa habe die Berliner Luftpost im März auf dem Acker gefunden.

Eine Antwort hat alle Schüler am meisten beeindruckt: Sie kam aus Südnorwegen. „Da hat eine Familie den Brief auf einem Feld gefunden, der war von Mäusen angeknabbert“, sagt Carlotta und kichert. Die Plastiktüte mit der fehlenden Ecke ist eines der Highlights der Ausstellung.

An der Kreuzberger Lenau-Schule lässt man sich vieles einfallen, um den Kindern das Lesen nahe zu bringen. Es gibt ehrenamtliche Lesepaten, die regelmäßig mit den Schülern lesen. Die Schulbibliothek mit rund 7000 Büchern und DVDs ist an allen Schultagen geöffnet und ausgesprochen gemütlich. Man kann auf großen Sofas lümmeln und an Deck eines hölzernen Piratenschiffes liegend lesen.

Bilderbuch-Kino und Mütter-Café

Es gibt Märchenstunden für die Kleinsten, ein Mütter-Café, in dem Bücher vorgestellt werden und ein regelmäßiges Bilderbuch-Kino. Dabei werden Bilder gezeigt und die dazu gehörigen Geschichten erzählt. Kinder können sich außerdem speziell gefüllte Bücherkoffer ausleihen und darin zu Hause mit der Familie stöbern.

Auch die drei Mädchen aus der zweiten Klasse lesen gerne. Während Muna vor allem Märchen mag, weil dort Feen und Prinzessinnen vorkommen, bevorzugt Carlotta Kurzgeschichten in großen Buchstaben. Der blonden Johanna gefallen Detektivgeschichten. „Am liebsten lese ich Geschichten über Kalle Blomquist, der ist so schön frech und traut sich was“, sagt sie.

Für den 2. November ist das nächste Lesefest an der Lenau-Schule geplant. Dann lassen wieder 350 Schüler Luftballons mit kleinen Gedichten aufsteigen. „Mal sehen, wo die Ballons diesmal landen“, sagt Carlotta.

Die Ausstellung „Luftpost-Briefwechsel“ ist vom 17.10 bis 9.11 2012 im Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4-11, zu sehen. Mo-Fr 9-19 Uhr, Sa 9-14 Uhr.