Kein Groll, eher Wiedersehensfreude ist spürbar, als sich Philipp Lengsfeld, im feinen Anzug mit Krawatte, und Carsten Krenz, im legeren Sakko mit Jeans, an diesem Mittwoch nach Jahren wieder begegnen. Sie schütteln sich länger als üblich die Hände, später wollen sie miteinander essen gehen.

Vor 25 Jahren war das unvorstellbar. Da hatten Philipp Lengsfeld, Sohn der damals bereits abgeschobenen DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, und andere Mitschüler an der Erweiterten Oberschule Carl von Ossietzky in Pankow gegen DDR-Militärparaden Stellung bezogen – und waren deshalb von der Schule geworfen worden. Eine Maßnahme, die Carsten Krenz, der an der Schule die DDR-Jugendorganisation FDJ geleitet hat, seinerzeit mitgetragen hat. „Ich konnte es damals aus meiner Sicht nicht anders sehen“, sagt Krenz nun bei der Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft e.V. zum 25. Jahrestag der Ereignisse. Das mag man ihm glauben, schließlich war Carsten Krenz in der Politbüro-Siedlung von Wandlitz aufgewachsen, sein Vater Egon brachte es später bekanntlich für kurze Zeit zum DDR-Staatsratsvorsitzenden.

„Es war wie eine Hinrichtung“, sagt Philipp Lengsfeld und erinnert sich, wie die vier Schüler in der Aula vor allen Schülern vom Direktor die Tür gewiesen bekommen haben. Nach dem Mauerfall wurden sie rehabilitiert. Philipp Lengsfeld kehrte als einziger Schüler zurück, wurde gar Schülersprecher. „Ich bin aber nicht mehr in meinen alten Jahrgang zurück, sondern ein Jahr tiefer“, sagt er. Er wollte mit vielen einstigeb Mitschülern nichts zu tun haben. Schließlich hatten zwei Drittel seiner Klasse für seinen Ausschluss aus der FDJ gestimmt. Heute ist er CDU-Bundestagskandidat in Mitte.

Krenz-Sohn möchte einiges gerade rücken

Schärfe kommt erst in die Diskussion, als Marianne Birthler, damals beim Stadtjugendpfarramt, Carsten Krenz fragt, wie es sich so lebt, wenn man sich schweinisch verhalten hat. Da nimmt ausgerechnet Lengsfeld den Angesprochenen in Schutz. Mit Carsten Krenz habe er ein paar Jahre später das erste Mal ausführlich gesprochen, ja sich ausgesprochen, sagt Lengsfeld. Auch der Krenz-Sohn möchte einiges gerade rücken. Es hieß, er selbst habe die Schüler verpfiffen. „Das stimmt nicht“, sagt Krenz. Sein Vater sei ohnehin im Urlaub gewesen.

Damals waren die Fronten klarer erkennbar. „Du warst für mich abgeschrieben“, erinnert sich der ebenfalls rausgeworfene Schüler Kai Feller, der auf Birthlers Rat an einem kirchlichen Oberseminar in Potsdam Abitur machte. Dabei stammte er aus einem atheistischen Elternhaus, heute ist er Pfarrer an der Ostsee. Rückblickend frage er sich, wie Schüler den Rauswurf von Mitschülern einfach so zulassen konnten. Vielleicht hätte Vater Krenz mal mit Ministerin Margot Honecker reden können, wirft er dann noch ein. So einfach sei das mit den Honeckers nicht gegangen, antwortet Carsten Krenz, der seit zwölf Jahren in Zürich wohnt und dort eine PR-Agentur betreibt. In der Schweiz kann Carsten Krenz er selbst sein, nicht der Krenz-Sohn. Einen weiten Weg haben alle drei hinter sich gebracht.