Dr. Natalja Jahn in ihrem Behandlungszimmer. 
Foto: camcop media  / Andreas Klug

BerlinWeiter, und immer weiter – und das ist auch gut: Natalja Jahn hört nicht auf, im mit Ärzten nicht gerade gesegneten Ortsteil Ahrensfelde Patienten zu behandeln. Sie ist immerhin muntere 86 Jahre alt. 

Jahn, Allgemein- und Sportmedizinerin, stammt nicht aus Berlin. Sie ist in Leningrad aufgewachsen, der russische Akzent ist unüberhörbar. In der Praxis an der Havemannstraße im Norden Marzahns, in der sie angestellt ist, betreut sie die Menschen der Umgebung, vielfach Russlanddeutsche.

Seit 1981 praktiziert sie in Marzahn, und sie will weitermachen, „solange ich noch genug Kraft habe“ und solange die Kassenärztliche Vereinigung sie lässt. Da sei sie froh, dass es bislang so ist. Sie habe immer geholfen, wo sie gebraucht wurde.

Die kleine Natalja Ende 1934 auf dem Schoß ihrer Mutter Polina .
Repro: camcop media / Andreas Klug

Der Weg aus der Sowjetunion nach Berlin verlief auf Umwegen. 1934 in der Militärstadt Nikolajew am Schwarzen Meer geboren – der Vater war U-Boot-Kommandant – hatte sie im Alter von zwei Wochen eine vierwöchige Bahnreise vor sich: Der Vater wurde nach Wladiwostok am Pazifik versetzt.

Dort blieb die Familie nicht lange: 1935 wurde der Vater aus der Sowjetmarine und der KPdSU entfernt, weil er schon unter dem Zaren gedient hatte. „Zum Glück war es nicht 1937 oder 1938“, sagt Natalja Jahn. Denn dann hätte er vermutlich den Großen Terror Stalins nicht überlebt, dem Tausende Offiziere zum Opfer fielen.

Die Familie zog nach Leningrad, 1938 wurde die Schwester Irina geboren. „Wir wohnten in einer großen Gemeindewohnung in zwei abgeteilten Zimmerchen.“ Die Eltern, Natalja, das Baby, zwei Kinder der Mutter und ein Sohn des Vaters aus vorigen Ehen. Das Baby lag im Kinderwagen, ein Kind schlief auf, ein anderes unter dem Tisch.

Die Eltern mussten arbeiten, Natalja kümmerte sich um Irina. 1940 wurde der Vater reaktiviert, Stalin brauchte wieder Kommandeure, nachdem er das Offizierskorps dezimiert hatte. Die Familie zog auf einen Stützpunkt in Lettland.

Der Vater Nataljas, Viktor Dolgow, steht 1947 als Kommandeur der Sowjet-Marine neben einem Steuermann. 
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Kurz vor dem deutschen Überfall im Sommer 1941 wurde der Vater nach Leningrad versetzt, durfte dort einen Marinestützpunkt leiten. Der Wechsel bewahrte die Familie vor dem Vormarsch der Wehrmacht und lettischen Angriffen auf die verhassten Russen, die 1940 nach dem Hitler-Stalin-Pakt erst Stützpunkte in den Staaten des Baltikums erzwungen und die Länder anschließend besetzt hatten.

Es war eine Rettung, die in eine neue Katastrophe führte: Im September 1941 begann die fast 900-tägige Belagerung Leningrads, die bis in den Januar 1944 andauerte.

Ständiger Artilleriebeschuss, eisige Winter ohne Heizung und Wasser, sehr wenig zu essen, viele Tote, die Familie 1942 ausgebombt – die Erinnerung lässt die Corona-Krise für Natalja Jahn unwesentlich erscheinen. „Sie ist nichts im Vergleich zu dem, was ich im Zweiten Weltkrieg erlebt habe. Ich habe ein Dach über dem Kopf, Telefon und einen vollen Kühlschrank.“

Nach dem Krieg und dem Schulabschluss wollte sie Medizin studieren – das im Kindesalter erlernte Kümmern um andere Menschen bewegte sie dazu. Aber sie durfte nicht, wegen der Vergangenheit des Vaters in der Zaren-Marine. Sie wurde stattdessen studierte Diplomsportlehrerin und Fachberaterin für Krankengymnastik.

Doch 1961 klappte es doch mit der Medizin: Mit der Empfehlung eines Medizinprofessors, man solle ihr erlauben, ihre „Kenntnisse zu vertiefen“, fuhr sie nach Moskau. „Ich habe beim Minister meinen Fuß in die Tür gestellt und meine Wünsche geäußert.“ Am Ende – sie macht den Minister nach – winkte er ab und sagte „Mach!“

Mit einem Schmunzeln erinnert sich Dr. Natalja Jahn:„ Solche Kleider trug man damals.“
Repro: camcop media / Andreas Klug

Ende der 60er-Jahre praktizierte sie in Leningrad, bis sie einem NVA-Nachrichtenoffizier begegnete, der dort an der Militärakademie lernte. Sie verliebt sich, heiratet ihn und zieht mit ihrer elfjährigen Tochter aus erster Ehe und dem Mann nach Dessau. Jahn lernt Deutsch, arbeitet an einer Poliklinik, bis der Mann nach Berlin versetzt wird. So kam sie nach Marzahn, arbeitete zunächst in Räumen in einem Feierabendheim, anschließend in einer eigenen Praxis.

„Dann kam die Wende, und ich konnte die Praxis für 900 DDR-Mark übernehmen“, erzählt sie lächelnd. Sie ließ sich 1989 von dem Mann scheiden, mit dem sie einen Sohn hat, und machte mal eben noch 1990 an der Humboldt-Uni ihren Doktor. „Das macht sich besser auf dem Praxisschild.“

2008 musste sie die Praxis aufgeben: Ein Herzinfarkt machte den Weiterbetrieb unmöglich. Als sie jedoch mitbekam, dass immer mehr Kollegen den Stadtteil verließen, um in Gegenden mit mehr Privatpatienten zu ziehen, fing sie 2014 als Angestellte in der Praxis in einem Ärztehaus wieder an.

Offenkundig wird sie dringend gebraucht. „Meines Wissens nimmt hier in der Gegend außer uns kein Kollege mehr Notfälle an.“ Als sie wegen ihres Alters im April eine vierwöchige Corona-Pause einlegte, wurde sie von Patienten auf der Straße angesprochen, dass man sie vermisse. „Seit Mai arbeite ich wieder, trage Schutzkleidung und wasche mir häufig die Hände.“

Angst vor Corona habe sie nicht, aber Patienten, die in dem kleinen Behandlungsraum vor ihrem Schreibtisch Platz nehmen, sind durch eine Plexiglasscheibe von ihr abgeschirmt. Bei Untersuchungen legt sie ein Visier an.

Immer aufrecht – Haltung hilft Natalja Jahn gegen die Gefahr von Rückenschmerzen.
Foto: camcop media / Andreas Klug

Bei einer Fortbildung überraschte sie alle Kollegen. Als der Dozent fragte, wer denn Rückenschmerzen habe, meldeten sich alle. Bis auf sie. „Ich halte mich gerade, sitze nicht krumm vor dem Computer“, berichtet sie, und macht vor, wie sie sehr aufrecht aufzustehen pflegt, um den nächsten Patienten aufzurufen.

Jung hält sie die Beschäftigung mit der dreijährigen Enkeltochter: „Ich bin jetzt Babuschka.“ Das Mädchen gibt ihr auch Hoffnung, dass der Arztberuf in der Familie bleibt: „Josephine füllt schon Rezepte aus …“

Natalja Jahn ist im Netz zu sehen: Auf www.75jahrekriegsende.de berichtet sie mit anderen Zeitzeugen über ihre Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Die Seite ist bis 2. September aufrufbar.