"Für was mache ich die Scheiße?" Tommy Haas ist der Champion des motivierendes Selbstgesprächs.
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BerlinÜber die vergangenen Monate lebte ich vorwiegend auf dem Land, weil die Stadt in ihrer Corona-Leere so depressiv wirkte. Ich saß in einem kleinen Dorf in Brandenburg, wo es einen See gibt, eine Dorfeiche, das Haus meines Großvaters und Gartenzäune mit dem Hinweisschild „Bissiger Hund!“ oder „Hier wache ich!“.

Natürlich verändert mich das Landleben. Meine Frau kommt am Wochenende vorbei, um mit mir in den Beeten zu buddeln oder Johannisbeeren einzukochen, aber die übrigen Tage bin ich alleine und schreibe vor mich hin. Ansonsten führe ich Selbstgespräche. Gut, jetzt ist es raus. Es ist mir etwas peinlich, das einzugestehen, aber zuweilen laufe ich durch den Garten und sage Dinge wie: „Vergiss nicht, du musst später noch einkaufen. Leberwurst, ein paar Tomaten. Katzenfutter ist auch alle, alter Junge.“

Alter Junge? Am beunruhigendsten finde ich Selbstgespräche, die ich im Plural führe: „So, was machen wir jetzt? Komm, erst mal essen wir ein Marmeladenbrot. Dann zurück an die Arbeit, okay?“ Wer ist denn wir? Jochen und Martin?

Das Selbstgespräch hat keinen guten Ruf, und manchmal frage ich mich, wie ich wohl auf andere Menschen wirke: Ein mittelalter Typ, der mit Gummistiefeln im Garten steht und vor sich hin brabbelt. Vielleicht hält man mich längst für den Dorftrottel. Im Internet fand ich den beruhigenden Hinweis, dass Menschen, die Selbstgespräche führen, nicht verrückt sind. Also: nicht alle. Verrückt wird es wohl erst, wenn man fremde Stimmen hört. Sozusagen: Nicht nur mit sich selbst spricht, sondern auch eine Antwort bekommt. So wie Moses auf dem Berg Sinai, als er von „Gott“, die Zehn Gebote empfing. Dann wird es kritisch.

In dem Buch „Selbstgespräche – von der Wissenschaft und Geschichte unserer inneren Stimmen“ las ich, dass man im Selbstgespräch mit bis zu 4000 Wörtern pro Minute innerlich spricht. Und zehnmal schneller als in normalen Konversationen. Wahrscheinlich wirken laute Selbstgespräche deshalb so verrückt. Einem Selbstgespräch kann man nur selbst folgen.

Sehr hübsch finde ich den Hinweis, dass es zu Zeiten Napoleons unter Intellektuellen anscheinend üblich war, mit sich selbst in der dritten Person zu reden. Ich habe das gleich ausprobiert, weil ich dachte: Intellektuell, das bin ich doch auch. Aber es klingt irgendwie nicht. Ich fühlte mich wie Lothar Matthäus, der in Interviews gern über sich in der dritten Person redet. „Ein Lothar Matthäus spricht kein Französisch!“

Das Entscheidende beim Selbstgespräch ist aber Folgendes: Es gibt gute Selbstgespräche. Und schlechte. Das lernte ich im YouTube-Video: „Selbstgespräche führen wie ein Profi.“ Gut ist das motivierende Selbstgespräch. Der Tennisspieler Tommy Haas führte während der Australian Open auf dem Platz mal ein Selbstgespräch, das quasi als vorbildlich gilt. Auch das kann man auf YouTube sehen.

„So kannst du nicht gewinnen. So kannst du nicht gewinnen, Haasi, das geht nicht! So geht’s nicht. Zu schwach einfach. Zu viele Fehler. Es ist immer das Gleiche. Ich habe keinen Bock mehr. Für was mache ich die Scheiße? (...) Du bist ein Vollidiot, bist du selber. Schon wieder nicht rangegangen ans Netz. Aber du gewinnst. Du gewinnst es noch, komm! Du kannst es nicht verlieren. Fighten. Fighten. Kämpf!“

Mit zunehmendem Alter werden die Selbstgespräche häufiger. Mit 80 ist man dann quasi auf dem Gipfel. Ich kann also noch besser werden. Positiver in der Selbstkommunikation. Bei „Selbstgespräche führen wie ein Profi“ wird geraten: „Seien Sie sich selbst ein guter Freund, machen Sie sich Mut, loben Sie sich.“ Also stehe ich jetzt allein im Garten und sage ganz leise zu mir: „Das ist eine Knaller-Kolumne, mein lieber Gutsch. Scheiß die Wand an. Hut ab!“