Ab diesem Schuljahr müssen Eltern von Erst- bis Sechstklässlern kein Büchergeld mehr bezahlen. Berlin hat für die jüngeren Schüler die Lernmittelfreiheit wieder eingeführt. Das freut Eltern natürlich. Allerdings verlief der Start sehr holprig: An vielen Grundschulen sammelten die Lehrer dennoch Geld ein. Zudem verfügen viele Grundschulen nach dem Wegfall der Elternbeiträge über deutlich weniger Geld als vorher. Die Folge könnte eine Qualitätsabsenkung bei Schulbüchern, Arbeitsmaterialien und auch digitalen Lernmitteln sein.

Einige Schulen sammeln trotzdem Geld

Bisher mussten Eltern bis zu 100 Euro jährlich für Schulbücher zahlen, das entfällt nun in einem ersten Schritt für Erst- bis Sechstklässler. Doch Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, übt Kritik an der Umsetzung. „Trotz auskömmlicher, wenn auch kurzfristiger Informationen haben es einige Schulen nicht geschafft, die Lernmittelfreiheit im gewünschten Sinne umzusetzen“, sagt er und nennt viele Beispiele.

So wurden an einigen Schulen trotz Lernmittelfreiheit Geldbeträge für Arbeitshefte eingesammelt oder Listen mit zu beschaffenden Büchern und Heften verteilt. Anderswo ließen Lehrer die Eltern über zusätzliches Geld für Arbeitsmaterialien abstimmen und setzten damit klamme Eltern unter Zugzwang, berichtet Heise. All das sei unzulässig. An einzelnen Schulen hätten Lehrer das Geld sogar erst zurückgezahlt, nachdem die Schulaufsicht eingeschritten sei.

98 Euro für jedes Kind 

All das sieht zunächst nach einem zu kurzem Planungsvorlauf aus. Doch dahinter steckt ein einfaches Einnahmeproblem: Gerade Grundschulen, an denen sehr viele Eltern das Büchergeld bisher selbst bezahlt haben, verfügen nun plötzlich über weniger Geld. In Pankow zum Beispiel stehen laut Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) statt 3,2 Millionen Euro im Jahr nur noch 1,9 Millionen Euro zur Verfügung. Der Bezirk behält zudem einen Teil ein, auch um damit Unterschiede an einzelnen Schulen ausgleichen zu können.

In den 1. bis 6. Klassen zahlten Eltern zuletzt bis zu 100 Euro im Jahr für Büchergeld. Dazu zahlte der Senat 73 Euro pro Kind zusätzlich, womit auch noch andere Anschaffungen im Bereich Lern- und Lehrmittel getätigt werden konnten.

Waren die Eltern eines Kindes auf Sozialhilfen angewiesen, mussten sie kein Büchergeld zahlen und waren von der Lernmittelzuzahlung befreit. Das betrifft in Berlin immerhin jedes dritte Kind. In solchen Fällen zahlte der Senat 98 Euro im Jahr. Nach der Neuregelung zahlt der Senat nun für jedes Kind diese 98 Euro. Darüber hinaus gibt es in diesem und im nächsten Jahr jeweils 50 Euro obendrauf – um sich erst einmal einen Bücherbestand aufzubauen.

Kein Geld mehr für Verbrauchsmaterialien

„Damit kommen wir nicht hin“, sagte eine Schulleiterin, die bisher durch die vielen „Selbstzahler“ unter den Eltern besser ausgestattet war. Für Schulleiter in ärmeren Gegenden der Stadt, wo die Mehrheit der Eltern kein Büchergeld zahlen musste, ändert sich indes finanziell kaum etwas. Eine Ungerechtigkeit wird damit offenbar: Mehr als 15 Jahre lang waren Schulen, an denen die meisten Eltern selbst gezahlt haben, deutlich besser mit Büchern oder auch Smartboards ausgestattet als Schulen in schwieriger Lage.

Ein weiteres Problem sind die Verbrauchsmaterialien, etwa Arbeitsblätter, die beschriftet, bemalt oder zerschnitten werden – oder auch Farben. „Dafür ist kein Geld mehr da“, sagt Janett Hartig, Leiterin der Grundschule am Kollwitzplatz. Solche Materialien seien gerade in den ersten Schuljahren wichtig, um Kinder individuell zu fördern.

CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele warnte davor, die Mittel für Bücher und Arbeitsmaterial einfach auf ein niedrigeres Niveau zu nivellieren. Gerade jetzt, wo digitale Lernmittel wichtiger würden, sei das schlecht. Der Privatschulverband kritisierte, dass die Lernmittelfreiheit für die freien Schulen weiter nicht gelte.

Bedürftigkeit messen können

Bei einer Anhörung zur Lernmittelfreiheit im Bildungsausschuss wurde gerade eine weitere Herausforderung diskutiert: Bisher wird nach der Anzahl der vom Büchergeld befreiten Eltern die zusätzliche Förderung für eine Schule bemessen. Liegt der Anteil der Lernmittelbefreiten über einer bestimmten Prozentquote gibt es mehr Sonderpädagogen, mehr Sprachförderung, aber auch Mittel aus dem Bonusprogramm für Schulen in schwieriger Lage.

Seit es die Lernmittelfreiheit wieder gibt, kann diese sogenannte lmb-Quote nicht mehr errechnet werden. Woran aber wird die besondere Bedürftigkeit künftig errechnet? Der Berlin-Pass könne da als Ersatz nicht dienen, weil viele Eltern davon keinen Gebrauch machen würden, sagte ein Sprecher des Weddinger Elternnetzwerkes. Auch darüber muss die Bildungsverwaltung nun endlich entscheiden.