Lesen Sie mal, wofür die 112 in Berlin und Brandenburg so alles gewählt wird

Der Rettungsdienst der Feuerwehr ist überlastet. Nicht nur Personalmangel ist der Grund, sondern auch die Anrufer. Wir haben uns bei Rettungskräften umgehört.

Notfallsanitäter mit Rettungsrucksack auf dem Weg zu einem Einsatz in Berlin.
Notfallsanitäter mit Rettungsrucksack auf dem Weg zu einem Einsatz in Berlin.imago stock&people

Fast jeden Tag herrscht beim Rettungsdienst der Berliner Feuerwehr Ausnahmezustand. Das liegt am Personalmangel bei den Notfallsanitätern. Belastet wird der Rettungsdienst aber auch, weil viele Menschen mit alltäglichen Verletzungen oder Krankheiten den Notruf 112 wählen. So landen beim Rettungsdienst viele Bagatellfälle.

Lesen Sie mal, was Berliner und Brandenburger Feuerwehrleute berichten, weshalb in der letzten Zeit einige Menschen die 112 wählten:
  • „Ich habe Corona und habe mich im Krankenhaus angemeldet, sie müssen mich da jetzt hinbringen.“
  • „Meine Kopfhaut juckt.“
  • „Ich benötige einen Corona-Schnelltest!“

Alle 66 Sekunden wird in Berlin ein Rettungswagen (RTW) alarmiert. Wie viele davon Bagatelleinsätze sind – solche Zahlen liegen nach Angaben von Berlins Feuerwehrchef Karsten Homrighausen nicht vor. Sie werden jetzt mühsam recherchiert. 

Doch für die Berliner Zeitung haben die Feuerwehrleute jetzt einige Fälle aufgelistet, weshalb sie angerufen werden:
  • „Ring geht nicht vom Finger ab“
  • „Seit mehreren Tagen Schmerzen im Bein“ 
  • Ein Patient war an dem Tag bereits im Krankenhaus, allerdings mit der Behandlung nicht zufrieden. Nachdem er sich von einem Krankentransport nach Hause fahren lassen hat, ruft er eine Stunde später die Feuerwehr, damit er in ein anderes Krankenhaus kommt.
  • Ein 112-Anrufer hat sich vor anderthalb Stunden den kleinen Zeh angeschlagen. Jetzt will er einen Notarzt.
  • Die 112 wird oft gerufen wegen schlafender Obdachloser, die vor Geschäften liegen und der Besitzer sich daran stört.

Ein Feuerwehrmann erzählt: „Wir haben auch viele Einsätze, bei denen Kraftfahrer an Orten vorbeifahren, an denen jemand auf dem Boden liegt. Sie halten aber nicht an und schauen oder fragen, sondern rufen die Feuerwehr. Bei Eintreffen des Rettungswagens ist dann keiner mehr da.“ Solche Fälle zählen zu den sogenannten Fehleinsätzen. Von denen gab es laut aktueller Feuerwehrstatistik im vergangenen Jahr mehr als 20.000.

Der Feuerwehrnotruf 112 wurde aber auch gewählt …
  • weil der Anrufer einen Verbandswechsel einer älteren Verletzung forderte.
  • weil eine Pflegekraft einer Patientin die Beine nicht eingecremt hatte, weil dies nicht zum Aufgabenprofil der Pflege gehöre.
  • weil ein Anrufer morgens eine Einweisung des Arztes in ein Krankenhaus bekam und abends, um 21 Uhr, mit dem Rettungsdienst dorthin gebracht werden wollte.

Nicht in immer herrscht bei den Anrufern ein Anspruchsdenken. Es gibt auch jene, die Angst haben. Etwa eine schwangere Frau, die 112 wählte, weil sie einen Kirschkern verschluckt hatte und befürchtete, dass er in die Nabelschnur ihres Babys gelangen könnte.

Manuel Barth von der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft kennt viele von diesen Beispielen: „Wir sehen fehlende Selbsthilfefähigkeiten, fehlende ambulante Versorgung und vielleicht auch eine fehlende Sensibilität, was denn Notfallrettung eigentlich heißt“, sagt er. Barth verweist aber auch auf fehlende Möglichkeiten der Feuerwehr, die Hilfesuchenden entsprechend beraten oder weiterleiten zu können.

Die Berliner Zeitung hat sich auch beim kommunalen Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree östlich von Berlin umgehört, warum in den vergangenen Tagen der Notruf 112 gewählt wurde:
  • Frau, 41 Jahre, lebt allein zu Haus und leidet zum wiederholten Mal unter Angstzuständen. Zum 30. Mal in diesem Jahr schon ruft sie den Rettungsdienst.
  • Donnerstagmorgen Anruf bei der 112: Mann leidet unter Gastroenteritis (Schleimhautentzündung des Magen-Darm-Traktes) mit leichtem Brechdurchfall.
  • Ein Mann leidet seit vier Wochen unter Bauchschmerzen.
  • Eine Anruferin hat Rückenschmerzen.
  • Eine Frau will, dass ihr per RTW die Medikamente geliefert werden.
  • Einem Mann sind die Kontaktlinsen verrutscht.
  • Ein Anrufer hat sich zu Hause leicht in den Finger geschnitten.
  • Blase am Fuß, Patient hat Angst, er bekommt eine Blutvergiftung.
  • RTW-Besatzung soll Medikamente in der Apotheke für Patienten holen.

Geht bei der Berliner Feuerwehr ein 112-Notruf ein, dann wird geklärt, ob ein Notfalleinsatz erforderlich ist. Zur Entlastung wurden vor einigen Wochen 14 sogenannte Codes geändert, sodass zu Patienten mit kleineren allergischen Reaktionen, Verbrennungen, Blutungen oder Augenverletzungen kein Rettungswagen mehr fährt.

Für diese 14 geänderten Codierungen gab es nach Angaben der Feuerwehr im vergangenen Jahr 5000 Einsätze – durchschnittlich knapp 14 pro Tag. Diese fallen nun weg.

Allerdings: Bei mehr als 420.000 Notfalleinsätzen und 14.100 Notverlegungen zwischen Krankenhäusern im Jahr oder 1190 pro Tag beträgt die Entlastung nur etwa ein Prozent.

„Fast jede geschilderte Situation eines Anrufs endet regelhaft mit der Entsendung eines Rettungswagens“, sagt Manuel Barth. „Den Kolleginnen und Kollegen der Leitstelle ist es nicht gestattet, zusätzliche Informationen aus dem Notruf zu bewerten, die die Notwendigkeit eines Rettungsdiensteinsatzes deutlich infrage stellen würden. Nach aktuellem Stand bekommen Sie bei Bauchschmerzen einen Rettungswagen selbst dann, wenn Sie die schon seit sechs Monaten haben und grade heute mal Zeit hätten.“