Oft genügt ein einziger einfacher Satz, um ein Problem auf den Punkt zu bringen: „Ich glaube euch nicht mehr“, sagte einer der mehr als 50 Zuhörer beim Leserforum der Berliner Zeitung am Dienstagabend. Der Satz richtete sich an die Politiker auf dem Podium. „Ihr setzt euch doch über die Interessen der Bürger hinweg.“

Geladen hatte die Berliner Zeitung zur Debatte darüber, wie es weitergehen soll nach dem Volksentscheid zum Tempelhofer Feld – der bekanntlich mit großer Mehrheit eine von der rot-schwarzen Koalition geplante Randbebauung mit Wohnungen, Gewerbe und Bibliothek stoppte. Was nun? Gar nicht mehr bauen? Das würde nicht funktionieren, wie wohl allen Beteiligten klar ist.

„Wir sind auf viel Ignoranz gestoßen“

Nicht nur Berlin, sondern praktisch alle großen europäischen Städte wachsen, wie Moderator Nikolaus Bernau, Architekturkritiker der Berliner Zeitung, gleich zu Beginn sagte. Insofern sei die Entscheidung der Hauptstädter, ihre größte innerstädtische Freifläche unbebaut zu lassen, im internationalen Maßstab durchaus singulär. „Das heißt nicht, dass sie schlecht ist“, betonte Bernau.

Doch welche Lehren daraus zu ziehen wären, ist knapp drei Wochen nach dem Votum schwer zu beantworten. Dafür aufs Podium geladen waren zwei Ja-Sager und zwei Nein-Sager: Der Fraktionschef der SPD im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, und die Vorsitzende des regionalen Verbandes der Wohnungsunternehmen BBU, Maren Kern, hatten beide für die Randbebauung geworben und gestimmt.

Die Fraktionschefin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, und der Viadrina-Student Matthias Clausen von der erfolgreichen Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ hatten, wie fast 740 000 andere Berliner, die Pläne abgelehnt. Clausen sieht die herkömmliche Art von Bürgerbeteiligung ohnehin am Ende. „Wir sind auf viel Ignoranz gestoßen“, klagte er. Es habe etliche Runden gegeben, wo die Bürger ihre Vorschläge eingebracht hätten – am Ende sei davon nichts in den Plänen gelandet. „Dabei gibt es inzwischen viel Expertise in der Zivilgesellschaft. Das ist nicht nur Protest.“

Auch Antje Kapek sagte, große Bauprojekte würden hierzulande traditionell „eher durchgedrückt“. Doch sie sehe die Chance für einen Neuanfang – etwa so, wie die Holländer es tun. Statt fertiger Masterpläne gebe es dort von Anfang an den Versuch, in einem transparenten Verfahren alle Akteure an einen Tisch zu bringen, und zwar „auf Augenhöhe“. Dies sei eine „teamorientierte Herangehensweise“, die dem deutschen Baurecht fremd sei. Um auch für Ärmere bezahlbare Wohnungen zu erhalten, müsse der Senat seine Möglichkeiten besser ausschöpfen, etwa beim Verbot der Umwandlung in Eigentum.

Antje Kapek schlug vor, eine Enquetekommission, also ein beratendes Politiker-Experten-Gremium des Parlaments, für einen „neuen sozialen Wohnungsbau“ einzurichten.

Die Zeit der Masterpläne ist vorbei

Raed Saleh will zwar auch eine Enquetekommission, aber besser gleich zum Thema „Wachsende Stadt“, wie er vorschlug. Auch sollten Bürger rechtzeitig vor Großprojekten – wie einer Olympia-Bewerbung oder der Tegel-Nachnutzung – in einem Referendum gefragt werden, ob sie dies wollen oder nicht.

„Eine Frontstellung Bürger gegen Politik ist nicht das, was wir wollen.“ Die Zeit der Masterpläne sei tatsächlich vorbei. Die Projekte müssten kleinteiliger werden. Davon hält BBU-Chefin Maren Kern wenig. Ohne Masterpläne komme man nicht aus. Allerdings sieht auch sie eine Vertrauenskrise. „Das Neubau-Klima hat sich extrem verschlechtert in den vergangenen Jahren.“ Wie Vertrauen wieder entstehen kann, wisse sie auch nicht.

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