Viele Blumen legten Berlinerinnen und Berliner am 21. April vor dem Haus Landsberger Allee 563 in Marzahn nieder. 
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Der Historiker Götz Aly kritisierte in seiner Kolumne für die Berliner Zeitung, dass die Bundesregierung es nicht schaffe, das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren ausreichend zu würdigen. Vor allem die Rolle der Roten Armee der Sowjetunion beim Sieg gegen Nazi-Deutschland werde nicht angemessen geehrt.

„Malen Sie sich bitte aus, ‚wir‘, die Deutschen, hätten diesen Krieg gewonnen. Wie würden unsere Straßen heißen? Welche Lebenserinnerungen hätten viele unserer ‚arischen‘ Väter, Großväter oder Urgroßväter fabriziert? Wie würden wir denken und handeln? Wie sähen Europa und die Welt aus? Ein Albtraum! Jedoch einer, der uns Heutige zu tiefem Dank an die Soldaten der Anti-Hitler-Koalition verpflichtet. Deshalb ehren wir in Berlin die Sowjetsoldaten, die vor 75 Jahren unsere Stadt von ihrer mörderischen Besessenheit befreiten und dabei zu Zehntausenden ihr Leben ließen.“

Aly forderte Leserinnen und Leser, „schicken Sie uns bitte Ihre Ideen, wie es trotz der notwendigen Abstandsgebote gelingen kann, möglichst viele Blumen zu den Ehrenmälern der Roten Armee zu befördern – sei es im Tiergarten, im Treptower Park oder in der Schönholzer Heide“.

Hier eine Auswahl der Briefe.

"Wir haben es in der Hand, die Politik zu beschämen"

Ich hoffe noch, dass es in den einzelnen Parlamenten doch zu würdigen Gedenkfeiern kommt. Wir Brandenburger und Berliner haben es in der Hand (oder in den Füßen), die Politik zu beschämen und uns an einem dieser Tage, zahlreich und im geforderten Abstand, mit kleinem Blumengruß in Richtung Tiergarten und Treptower Park zu bewegen. Zeigen wir, dass wir den Russen, Engländern, Amerikanern, allen Widerständlern dankbar dafür sind, dass sie uns von der Barbarei befreit haben. Zeigen wir damit auch unsere Missachtung all denen gegenüber, die sich hinter den "Fliegenschiss"-Sympathisanten versammelt haben.

Joachim Kubo, Rüdersdorf

"Ich habe für ehemalige Kriegsgefangene gespendet"

Ich habe Ihre Kolumne zum Anlass genommen, für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene zu spenden. Vielen Dank für die Anregung.

Morus Markard, per E-Mail

"Plätze mit Blumen schmücken"

Ich erinnere mich an das Gedenken vor fünf Jahren am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten, Straße des 17. Juni. Dort war ein sehr buntes Volk, von alten Menschen bis zu Familien, und alle mit sehr vielen Blumen. Was mich vor allem wunderte und auch erfreute, war, dass es sich um ein sehr international gemischtes Volk handelte. Auch Franzosen waren deutlich zu sehen, Italiener und so weiter. Anbei sende ich Ihnen ein Foto von mir von dem Jahrestag zu. Im vergangenen Jahr war ich im Mai in der Normandie und konnte erleben, wie dort der Jahrestag der Invasion gefeiert wurde.

Gedenken vor fünf Jahren am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. 
Foto: Privat

Zwar waren die offiziellen Feierlichkeiten bereits beendet, aber alle kleinen und größeren Orte rings um die Invasionsstrände waren geschmückt mit den Fotos der Helden der Invasion, jeweils mit Namen und Kompanie-/Bataillonszugehörigkeit. Alle Gedenkorte waren herausgeputzt, an allen Denkmälern waren Blumen en gros niedergelegt. Wenn wir in diesem Jahr schon nicht gemeinsam an den Denkmälern in Berlin unseren Dank ausdrücken können, so ist es vielleicht ein kleines Zeichen der Anerkennung und des Dankes, wenn wir diese Plätze im Vorfeld schmücken und Blumen und Botschaften dort hinterlassen. Wir wollen ja nicht die Fahnen aus den Fenstern hängen lassen. Aber gegebenenfalls trage ich die Tage um den Jahrestag auch nur noch rote Shirts, Hemden oder Jacken.

Frank Götze, per E-Mail

"Vergessen Sie nicht die sowjetischen Soldatenfriedhöfe"

Wir bitten alle, nicht zu vergessen, dass es in Berlin vier sowjetische Soldatenfriedhöfe gibt. Auf ihnen sind in den Kämpfen in Berlin im April/Mai 1945 gefallene Angehörige der Roten Armee beerdigt.

Bitte vergessen Sie weder in diesem Jahr noch in Zukunft den Sowjetischen Ehrenfriedhof auf dem Areal des Parkfriedhofs Marzahn. Dort befindet sich für 494 sowjetische Offiziere und Soldaten und verstorbene Angehörige der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland eine letzte Ruhestätte.

Lutz Priess, Berlin-Karlshorst

Die Anlage des Sowjetischen Ehrenmals in der Schönholzer Heide. 
Foto: Privat

"Mein Enkel pflegt das Ehrenmal in der Schönholzer Heide"

Wir wissen, warum wir das Gedenken an die Kriegsopfer hochhalten. Warum dies niemals vergessen werden darf. Geboren 1950 gehöre ich zur glücklichen Generation, die keinen Krieg am eigenen Leib erleben musste. Ich bin sehr dankbar dafür und freue mich, dass auch mein Enkel (Jahrgang 1997) in einer friedlichen Umgebung aufwachsen kann. Er absolviert zurzeit eine Lehre im Garten-und Landschaftsbau und ist am Ehrenmal in der Schönholzer Heide mit der intensiven Pflege der Anlage beschäftigt. So trägt er dazu bei, dass dieses Ehrenmal ein würdiges, gepflegtes Aussehen hat, und hat sich natürlich auch mit dessen Geschichte beschäftigt. Anbei eine aktuelle Aufnahme, die er mir geschickt hat. Ich unterstütze ihn nach Kräften, bin selbst Historikerin, bei der Erkundung der Geschichte. Das ist unser Beitrag, dass nichts in Vergessenheit gerät. Damit erfüllen wir, auch das Vermächtnis seines Großvaters meines Vaters, der diesen Krieg am eigenen Leib erfahren hat. Er gehörte zu den wenigen Überlebenden, seiner Schulklasse. Aus dieser Erfahrung heraus sowie aus dem Verlust seines Bruders (gefallen vor Stalingrad) hat er die notwendigen Konsequenzen gezogen und sich zeitlebens für Völkerverständigung eingesetzt.

Sabine Böhm, Berlin-Köpenick

"Erinnern bedeutet, sich vor den Toten zu verneigen"

Einen Einblick, wie Berliner den Tag der Befreiung begehen können, zeigt sehr anschaulich das Gedenken am vermutlich ersten erstürmten Haus von Berlin am 21. April 1945. Es befindet sich in der Landsberger Allee 563 in Marzahn. Soldaten der 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front unter der Führung von Generaloberst Bersarin erreichten an dieser Stelle den Stadtrand von Berlin. In diesem Jahr kamen schon am frühen Vormittag zahlreiche Bürger der Stadt, um Blumen und Gedenkschreiben abzulegen.

Erinnern und Gedenken an die Millionen Opfer der Sowjetunion und der Alliierten bedeutet, sich an den Gedenkstätten vor den Toten zu verneigen und heute Bedingungen zu schaffen, die eine Wiederholung der Geschehnisse verhindern.

Brigitte Großmann, per E-Mail