Der Klima-Aktivismus aus der Sicht einer 15-Jährigen 

Unsere Schülerpraktikantin Anna ist 15 Jahre alt und wird das Jahr 2050 sicherlich erleben. Sie ist trotzdem gegen die Protestform der „Letzten Generation“.

Ein Aktivist zeigt ein Schild mit der Aufschrift „Lieber Wegsperren als Reden“ bei einer Sitzblockade mit weiteren Aktivisten auf der Prenzlauer Allee.
Ein Aktivist zeigt ein Schild mit der Aufschrift „Lieber Wegsperren als Reden“ bei einer Sitzblockade mit weiteren Aktivisten auf der Prenzlauer Allee.dpa/Carsten Koall

Als ich neulich aus dem Fenster geschaut habe, lag Schnee in Berlin. Das war wirklich ungewöhnlich für Mitte November. In den letzten Jahren haben wir kaum Schnee gehabt, auch nicht im Dezember oder Januar. Es ist immer zu warm gewesen für Schnee, und auch im Sommer gibt es seit Jahren zu wenig Regen. Ich mag Hitze nicht sonderlich gern, die letzten Sommer waren daher kein besonders großer Spaß für mich. In aufgeheizten Räumen sitzen und mit 25 Schülerinnen und Schülern am Unterricht teilnehmen, ist im Sommer nicht gerade ein Umfeld, in dem ich mich gut konzentrieren kann.

Seit Monaten blockieren Klimaaktivisten fast täglich Berliner Straßen oder sogar den Flughafen. Besonders die Mitglieder der „Letzten Generation“ tun dies aber in einer Form, die sich negativ auf ihr ganzes Umfeld auswirkt: Sie legen sich auf die Fahrbahn oder kleben sich auf ihr fest. Für die Autofahrer oder die Piloten bedeutet das: Sie müssen warten, bis die Polizei das Problem beseitigt hat. Auch in Notsituationen, wenn Rettungswagen zum Einsatz müssen, gefährden die Klimaaktivisten Menschenleben. Es muss doch andere Wege geben, den Menschen den Klimawandel vor Augen zu führen, ohne Gegenstände zu beschädigen und Mitmenschen im Alltag zu stören.

Es wirkt für mich wie ein Aufstand, wie eine Rebellion, die Menschen zum Zuhören zwingen soll, mit allen Mitteln, auch wenn diese fragwürdig sind. Das macht das Hupen der Autofahrer im Stau jedes Mal von Neuem deutlich. Dabei wissen die doch auch, dass ihr Hupen nicht hilft und das Diskutieren und Wegtragen auch nicht. Ich kann die Wut der Autofahrer gut verstehen, auch wenn ich ihre Gewaltanwendung nicht gut finde. 

Ich bin zwar kein Mitglied dieser Aktivistengruppe, aber streng genommen bin ich schon: ein Kind der letzten Generation. Ich bin 15 Jahre alt und werde sicherlich das Jahr 2050 noch erleben. Bis dahin, so sagen einige Wissenschaftler, wird London das Wetter von Barcelona haben, Stockholm wird wie Budapest heute sein – und wir in Berlin werden es so warm und trocken haben wie jetzt Canberra in Australien. Die Durchschnittstemperatur steigt um sechs Grad, haben Wissenschaftler berechnet, und sie sagen auch: „Wir sind darauf in Berlin nicht vorbereitet.“ Mein Leben wird sich bis dahin stark verändert haben.

Das erschreckt nicht nur mich, sondern auch viele meiner Freunde – doch genauso sind wir erschrocken, wie momentan gegen die Klimapolitik protestiert wird. Denn die Proteste haben auch bei uns negative Auswirkungen gehabt. Stellt euch vor, ihr fahrt zur Schule oder zu einem wichtigen Termin beim Zahnarzt und euer Bus steht ewig an einer Kreuzung. Und das Ganze nur, weil Klimaaktivisten auf der Straße sitzen. Für mich setzt dadurch kein Umdenken ein, sondern es hat eigentlich nur einen Effekt: Ich komme zu spät.

Sich für das Klima zu engagieren, ist natürlich erst einmal gut, und die Protestierenden sollten so auftreten, dass ihre Stimmen gehört und auch verstanden werden. Aber es muss friedliche Wege geben, die kein negatives Aufsehen erregen oder den Demonstrierenden Feinde machen. Denn letztlich bin auch ich frustriert, wenn ich sinnlos im Stau stehe. 

Ich finde, der Aktivismus zum Thema Klima ist derzeit absolut aus dem Ruder gelaufen. Langfristig werde auch ich nicht einfach nur dabei zusehen können und werde mich entscheiden müssen, wie ich zu der Klimapolitik stehe. Vielleicht gehe ich irgendwann auch einmal demonstrieren für das Klima? Aber auf die Straße legen oder mich festkleben ist für mich keine Option. Für andere schon, denn derzeit gibt es noch fast jeden Tag Meldungen über die Aktivisten. Ach so, übrigens: Ich nenne sie Aktivisten, das Wort Klima-Kleber mag ich nicht.