Letzte Generation: Hat die Menschheit es verdient, zu überleben?

Die Aktionen der Letzten Generation sind Verzweiflungstaten. Manche haben Angst, andere sind ganz gut im Verdrängen. Warum ändern wir den Kurs nicht? Ein Kommentar.

7. November 2022, München, Bayern, Deutschland: Klimaaktivisten (einer von zwei ist auf dem Bild zu sehen) der Letzten Generation haben sich am Münchner Hauptbahnhof krampfhaft an die Fahrbahn geklebt. 
7. November 2022, München, Bayern, Deutschland: Klimaaktivisten (einer von zwei ist auf dem Bild zu sehen) der Letzten Generation haben sich am Münchner Hauptbahnhof krampfhaft an die Fahrbahn geklebt. IMAGO/ZUMA Wire

Wie wird man wohl in hundert oder zweihundert Jahren auf diese Zeit zurückblicken? Eine Zeit, in der sich Menschen auf die Straße kleben, in Bäumen schlafen und in Hungerstreik treten, mit Hinweis auf die drohende Klimakatastrophe. Wir kennen alle die Landkarte mit dem Abgrund und ändern den Kurs trotzdem nicht.

Klimaaktivisten der Letzten Generation blockieren nun auch Flughäfen. Am Freitag saßen sie auf der A113, die zum Flughafen BER führt. Das ist ärgerlich für Menschen, die viel Geld für einen Flug bezahlt haben. Diese Menschen können nichts dafür, dass die Politik ihre selbst gesetzten Ziele nicht einhält und die Generationen vor uns die Industrialisierung vorangetrieben haben. Sie sind dazu erzogen worden, Dreck in die Luft zu blasen. Freiwillig verzichten sie nicht auf gewohnte Standards.

Was die Letzte Generation tut, ist ein Akt der Verzweiflung. Tief in unserem Inneren wissen wir alle, es ist zu spät. Die Erderwärmung lässt sich wahrscheinlich nicht mehr aufhalten. Die einen verdrängen das ziemlich erfolgreich und die anderen haben einfach Angst. Ihre Aktionen sollen stören, sie wollen damit fragen: „Wie könnt ihr nur einfach so weitermachen?“

Die Antwort ist simpel. Sie, also: Wir, die wir uns nicht auf die Straße setzen, die unseren Lebensstil nicht ändern, sind egoistisch. Seit Kurzem sind wir acht Milliarden Menschen. Alle gleichzeitig zum radikalen Verzicht zu bringen, ist unmöglich. Warum also sollte ich verzichten, wenn es sowieso nichts ausrichtet? Das ist der Gedanke, der hinter der Abwehr von zügigen politischen Veränderungen und Klimaaktivismus steckt. Insgeheim hoffen viele Menschen, dass sie die Katastrophe nicht mehr erleben: Dann eben die Sintflut, aber nach mir.

Fridays for Future hat nicht genug bewegt, sagen die Mitglieder der Letzten Generation. Es geht ihnen um Aufmerksamkeit. Und dafür stehen viele Klimaaktivisten jetzt vor Gericht. Ein hoher politischer Druck lastet auf den Verfahren. Medienberichte brachten den Tod einer Radfahrerin mit den Blockaden in Zusammenhang. Doch auf dem Straßenabschnitt vor einem Unfall gibt es so gut wie immer Stau und eine Rettungsgasse ist nötig.

In Zukunft könnten die Straßenblockaden allerdings tatsächlich mal einen Rettungsweg behindern, und sie sorgen vielleicht auch jetzt schon mal für mehr Umwege. Die Letzte Generation reagierte auf die Medienberichte mit vehementer Abwehr, das war strategisch ungeschickt. Wie gesagt, diese Leute sind verzweifelt. Sie sehen den Tod von Millionen Menschen kommen.

Diejenigen, die davor lieber die Augen verschließen, haben ein weiteres beruhigendes Argument: Sterben müssen wir sowieso und die Erde wird es überstehen. Ja, die Natur schafft es vermutlich, denn sie ist anpassungs- und widerstandsfähig. Bei der Menschheit stellt sich inzwischen die Frage, ob sie es verdient hat, zu überleben. Aber es geht um Respekt vor der Natur. Am Ende ist es eine Gewissensfrage: Habe ich es wirklich versucht? Manche lassen sich anschreien, bestrafen und hungern, um das sagen zu können. Andere ärgern sich darüber.

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