Berufspendler müssen seit Wochenbeginn wieder mit Staus rechnen. Aktivisten der Letzten Generation melden sich nach drei Monaten Pause mit neuen Blockaden des Berliner Berufsverkehrs zurück. Dabei kam es auch zu einer Auseinandersetzung mit einem aufgebrachten Autofahrer. Er schob mit seinem Fahrzeug eine Demonstrantin vor sich her.

Die Gruppe will nun mit neuen Aktionen nicht mehr ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung nach französischem Vorbild durchsetzen, sondern neue Ölbohrungen in der Nordsee verhindern. Der deutsche Öl- und Gasproduzent Wintershall Dea will seine Ölförderung im Nationalpark Wattenmeer erweitern – und bekommt angesichts der unsicheren Versorgung mit Gas durch Russland dafür Rückendeckung aus der Ampelkoalition.

Frau Hinrichs, Sie haben drei Monate Pause eingelegt. Warum ist jetzt der Zeitpunkt, mit Ihren Blockaden weiterzumachen?

In Anbetracht des Krieges haben wir im März unsere Aktionen für ein paar Wochen unterbrochen, um mehr Menschen zu mobilisieren. In 100 Vorträgen und Trainings haben wir Bürger:innen die Realität eines drohenden Klimakollapses nahegebracht.  Viele haben sich daraufhin entschieden, sich dem friedlichen zivilen Widerstand anzuschließen. Seit April verging deutschlandweit keine Woche ohne Widerstandsaktionen der Letzen Generation. Im April blockierten wir über zwei Wochen täglich in Frankfurt am Main. Anschließend haben wir unzählige Male friedlich mit Namen und Gesicht den tödlichen Ölfluss durch das Abdrehen der Pipelines unterbrochen. Zeitgleich fanden wöchentlich bundesweit Blockaden statt. Jetzt sind wir mit einem Vielfachen an Bürger:innen in Berlin, um hier den Druck auf die Regierung zu erhöhen.

Autofahrer verlieren die Nerven

Sie reden von „Widerstand“. Viele Autofahrer fühlen sich dagegen von Ihnen genötigt. Ein Video zeigt einen Autofahrer, der eine Aktivistin mit seinem Auto vor sich herschiebt. Wie vermeiden Sie in solchen Situationen eine Eskalation?

Es ist schmerzhaft, zu sehen, dass schon durch einen einfachen Stau solche Gewalt entstehen kann. Stellen Sie sich vor, wie wütend die Menschen sein werden, wenn sie 2050 in den Supermarktregalen nichts mehr zu essen finden. Denn das ist der aktuelle Kurs, auf dem wir uns befinden. Wir wissen, dass solche Situationen wie mit dem Autofahrer passieren können, und bereiten uns in Trainings und Rollenspielen darauf vor, um immer friedlich zu bleiben, auch wenn wir geschlagen werden.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Carla Hinrichs ist 25 Jahre alt und studiert Jura. Sie ist Sprecherin der Aktionsgruppe Letzte Generation. Das Bündnis bildete sich im vergangenen Jahr aus Teilnehmern des Klima-Hungerstreiks im Berliner Regierungsviertel. Straßenblockaden sind seit Beginn des Jahres ein Schwerpunkt der Proteste. Demonstranten kleben sich dabei auf Fahrbahnen fest. Sie wollen der Polizei so die Räumung erschweren und den Verkehr für längere Zeit stören.

Das Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung konnten Sie mit Ihren Protesten der Regierung nicht abringen. Warum soll es bei der Verhinderung von Ölbohrungen klappen?

Wir sind jetzt viel mehr Menschen als zuvor und bereit, entschlossen Widerstand zu leisten. Die Regierung muss sich für Menschenrecht und Verfassung entscheiden und anfangen, das Recht auf Freiheit und Leben der Menschen in Deutschland zu schützen. Oder sie entscheidet sich dafür, uns wegzusperren, und entlarvt damit weiter ihren todbringenden Kurs. Aus der Geschichte wissen wir, progressiven Wandel in kürzester Zeit können wir über friedlichen, zivilen Widerstand erlangen. Wir machen es vor, und andere werden es uns nachmachen. Was bleibt uns anderes übrig: Tun wir nichts, sind wir in jedem Fall gescheitert.

Aktivisten verfolgen neues Ziel

Bisher ging es Ihnen um ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung, jetzt um neue Ölbohrungen in der Nordsee. Ist das Gesetz nicht mehr wichtig?

Das Essen-retten-Gesetz ist unverändert wichtig, und die Regierung sollte es dringend umsetzen. Wir haben mit unserem Widerstand den Diskurs zu dem Thema maßgeblich beeinflusst. Zugleich erleben wir einen blutigen Angriffskrieg, der durch unsere Abhängigkeit von fossilem Öl, Kohle und Gas finanziert wird. Das Naturschutzgebiet Wattenmeer soll zerstört werden, um nach noch mehr Öl zu bohren. Das ist fossiler Wahnsinn, und diesen stellen wir deswegen in den Fokus unseres Widerstands. Der tödliche Kurs der Regierung wird immer deutlicher, sie sollte sich nicht gegen neues Nordseeöl aussprechen.

Die Bundesregierung sucht nach Alternativen zu den russischen Quellen. Sie fürchtet sich vor den sozialen Folgen einer Knappheit von Öl und Gas im Winter. Die Letzte Generation wohl eher nicht?

Die zu erwartenden sozialen Folgen der Klimakrise sind dramatisch. Wir wollen eine lebenswerte und gerechte Zukunft. Deswegen müssen wir jetzt dringend Öl sparen, anstatt nach neuem zu bohren. Tempolimit und kostenloser öffentlicher Nahverkehr sind sozial sinnvolle Maßnahmen, die sofort eine Entlastung für die Bürgerinnen und Bürger bringen würden. Gleichzeitig gehen wir damit einen Schritt in Richtung Abwendung der Klimakatastrophe als weiter in Richtung eines sozialen Kollapses. Die drohenden sozialen Folgen der Klimakatastrophe übersteigen alles, was wir uns gerade vorstellen können. Wasserknappheit, Hunger, Flucht und Kriege stehen dann auf der Tagesordnung. Das ist die Zerstörung, auf die uns neue Ölbohrungen wie die in der Nordsee mit Vollgas zutreiben.