Das Gedenken an historische Ereignisse vollzieht sich ritualisiert und rhythmisiert. Alle fünf Jahre erfolgt ein lauter Akkord – dazwischen Stille. In einer dieser stillen Zwischenphasen ist am Mittwoch im Innenhof der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg die Ausstellung „Revolution und Mauerfall“ eröffnet worden. Es sei „die erste Gesamtschau der Ereignisse, die zum Ende der DDR und zur Wiedervereinigung führten“, sagte Ausstellungsmacher Tom Sello von der Robert-Havemann-Gesellschaft zur Eröffnung selbstbewusst.

Der Untergang des Sozialismus wird in Berlin inzwischen an vielen Orten unter vielen Blickwinkeln erzählt, etwa als DDR-Gesamtgeschichte, als Alltagsgeschichte, als Geschichte der Berliner Mauer gleich mehrfach oder aus der Perspektive der Repressionsopfer im Stasi-Gefängnis. „Im Mittelpunkt unserer Schau steht nicht die Staatspolitik, die zur deutschen Einheit führte, im Mittelpunkt stehen die Menschen, die ihre Angst überwanden und ihre Geschicke selbst in die Hand nahmen“, erläutert Sello.

Am authentischen Ort

Mit mehr als 650 Fotos, Dokumenten und Filmen wird auf insgesamt rund 300 Meter langen Stellwänden unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt an die gesellschaftlichen Umwälzungen erinnert. Die Schau setzt ein in den 80er-Jahren mit dem beginnenden Bürgerprotest, Kapitel zwei reicht von der Fluchtwelle im Sommer 1989 bis zum Vorabend der Volkskammerwahl und das letzte Drittel der Ausstellung befasst sich mit dem Weg zur Wiedervereinigung im Oktober 1990. Die neue Ausstellung knüpft an die vielbeachtete Schau an, die 2009 zum 20. Jahrestag des Mauerfalls auf dem Alexanderplatz zu sehen war, dort jedoch nicht dauerhaft etabliert werden konnte.

Es ist eine der Stärken dieser Schau, dass sie an einem authentischen Ort der friedlichen Revolution eingerichtet wurde. Am 15. Januar 1990 wurde die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit gestürmt, in den Monaten danach war hier um ihre Auflösung gerungen worden. Der Stasi-Beauftragte des Bundes, Roland Jahn, will das Gelände als Campus der Demokratie ausgestalten. Sello meint: „Unsere Präsentation ergänzt in idealer Weise das Stasi-Museum. In Haus 1 wurde die Verfolgung und Unterdrückung von Regimegegnern geplant. Im Hof davor wird erzählt, wie die kommunistische Diktatur besiegt wurde.“

Die Schau ruft eindrucksvoll in Erinnerung, dass Geschichte keine gleichförmige Bewegung ist. Nach Jahren der Stagnation gab es in der DDR 1989/90 eine rasante, fast schon wieder unbegreifliche Beschleunigung. Noch im Mai 1989 stimmten bei der Kommunalwahl etwa 90 Prozent für die Einheitsliste. Nur sechs Monate später jedoch gingen Hunderttausende auf die Straße und stellten den Machtanspruch der SED infrage. Und bereits ein halbes Jahr später fanden die ersten freien Wahlen statt, bei denen die SED-Nachfolgepartei PDS nur noch gut 16 Prozent erhielt.

Die Havemann-Gesellschaft mit ihrem bemerkenswerten Archiv hangelt sich von Projekt zu Projekt, eine verlässliche institutionalisierte Förderung fehlt weiter. Zwar wurde dem Archiv von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und von Berlins Regierendem Kultursenator Michael Müller eine Dauerförderung im Mai zugesagt, sie steht aber unter dem Vorbehalt, das Bundestag und Abgeordnetenhaus die Finanzen erst genehmigen müssen. Das kann dauern.

Hoffnung für das Archiv

Außerdem steht dem Archiv ein Zwangsumzug bevor, denn ihr Vermieter hat einen Teil der Wohnung in der Schliemannstraße (Prenzlauer Berg), in der das Archiv untergebracht ist, gekündigt. Bis Ende Juli müssen rund 750 laufende Meter Schrifttum ausgeräumt werden. Noch ist unklar, wohin. Im Gespräch ist das frühere Offizierskasino auf dem Ex-Stasi-Gelände.

Grütters zeigte sich zuversichtlich, dass eine Zwischenunterbringung rechtzeitig realisiert werden kann, „wenngleich die Kündigung durch den neuen Eigentümer für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellt“. Eine Dauerlösung wäre das nicht. Dafür ist die Unterbringung des Archivs im Haus 7 an der Normannenstraße im Gespräch. Die untere Etage ist renoviert und scheint geeignet. Monika Grütters lässt aber erstmal eine Machbarkeitsstudie erstellen, das Haus gehört dem Bund.