Zweimal ein- und dasselbe nackte Kind, vielleicht sechs Jahre alt. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass das Kind links eine Vagina hat, das rechts einen Penis. In der Mitte steht dasselbe Kind in eine Decke gehüllt. Gemälde einer Ausstellung in der kommunalen Galerie des Rathauses Lichtenberg.

Die Installation heißt „weiblich – männlich – anders“ und stammt von der Künstlerin Claudia Clemens, die seit Jahren im Bezirk arbeitet. Sie möchte auf die permanent stattfindende Rollenzuschreibung hinweisen, den mitunter schwierigen Umgang Heranwachsender mit ihrem Geschlecht, ihrer Identität, schreibt sie in einem Begleittext. „Welche Möglichkeiten der freien Entfaltung geben wir einem Kind, welches biologisch nicht eindeutig ,männlich’ oder ,weiblich’ ist“, fragt sie. In Lichtenberg aber müssen sich die Verantwortlichen jetzt fragen lassen: Darf man solche Bilder überhaupt zeigen? Ist das schon Pornografie? Schon haben Boulevardzeitungen die Ausstellung entdeckt und skandalisiert.

Bürgermeister: Das ist keine Pornografie

„Zur Eröffnung Ende Januar waren hundert Gäste da, und auch seitdem hat sich nicht ein einziger Gast hat negativ geäußert“, sagte Galerieleiterin Silvia Eschrich. Sie könne die Aufregung nicht verstehen. An den Bildern sei nichts obszön oder pornografisch. Im Übrigen seien sie eine künstlerische Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema.

Hausherr im Rathaus an der Möllendorffstraße ist Bürgermeister Andreas Geisel. Der SPD-Politiker hatte seinerzeit die Vernissage geschwänzt. Am Montag ist er doch in den Rathauskeller gestiegen, wo die Galerie untergebracht ist. Er wollte sich ein eigenes Bild machen. Danach sagte Geisel: „Jeder, der vielleicht mit der Hoffnung auf kinderpornografische Bilder herkommt, wird enttäuscht sein. Da ist nichts.“

Natürlich weiß Geisel um die Sprengkraft des Themas seit Bekanntwerden der Affäre Edathy. Er würde die beiden Fällen jedoch nur ungern in Zusammenhang bringen, sagt er. Er könne Edathys Verhalten „keineswegs billigen“, auch wenn diesem möglicherweise keine strafrechtlichen Konsequenzen erwüchsen.

Volkshochschule Hellersdorf war wenig souverän

Doch allein die Tatsache, dass bei den Dreharbeiten für die Videos offenbar Kinder traumatisiert wurden, sei schlimm. Es sei undenkbar, dass Arbeiten mit solch einem Hintergrund im Rathaus gezeigt würden. Doch all dies habe mit den Bildern von Claudia Clemens aber auch gar nichts zu tun.

Einen weniger souveränen Umgang hatte vergangenes Jahr der Nachbarbezirk Marzahn-Hellersdorf bewiesen. In der dortigen Volkshochschule, in der Muslime Deutschkurse belegen, sollten Aktbilder gezeigt werden. Kurz vor der Eröffnung intervenierte die Volkshochschule und verbot sechs vermeintlich anstößige Zeichnungen.

Einen ähnlichen Vorfall hatte es drei Jahre zuvor im Rathaus Köpenick gegeben, als Fotos mit Aktmotiven entfernt wurden. Man wolle das Schamgefühl einiger Beschäftigter nicht verletzen, hieß es damals.