Berlin - Lichtenberg hat einen neuen Kandidaten für das Amt des Bezirksbürgermeisters, doch die Krise in der Linkspartei ist nicht vorüber. Zehn Tage nach dem Eklat in Bezirksverordnetenversammlung und heftigen gegenseitigen Anschuldigungen innerhalb der Partei präsentierte die Linke am Sonnabend den Nachfolger für die in zwei Wahlgängen gescheiterte Evrim Sommer. Bürgermeister soll jetzt der 46-jährige Michael Grunst werden. Er erhielt auf einer Versammlung des Bezirksverbandes 86,4 Prozent der Stimmen. Das Bezirksamt Lichtenberg soll am 15. Dezember gewählt werden.

Der erste Versuch zur Wahl einer Bezirksbürgermeisterin war in der letzten BVV-Sitzung nach spektakulärem Verlauf abgebrochen worden. In Medienberichten, die während des Wahlvorgangs bekannt wurden, war Evrim Sommer vorgeworfen worden, sie habe ihren Lebenslauf geschönt, indem sie einen Hochschulabschluss vorgetäuscht haben soll.

Gespräche über Nominierungen

Die Linken-Politikerin hatte nach ihrem Scheitern nicht nur ihre Kandidatur als Bürgermeisterin zurückgezogen und das Amt der Bezirksvorsitzenden niedergelegt, sondern gleichzeitig schwere Vorwürfe gegen ihre eigenen Parteifreunde erhoben. Ohne Namen zu nennen, ging sie in einer Erklärung davon aus, dass Mitglieder der Linkenfraktion nicht für sie gestimmt und damit ihre Wahl verhindert hätten. Die Fraktion wies das zurück, man habe in beiden Wahlgängen zu Sommer gestanden.

Grunst verfügt über langjährige Erfahrung in der Verwaltung, er war zuletzt Bezirksstadtrat in Treptow-Köpenick.  Grunst war zuvor als Stadtrat für Gesundheit, Bürgerdienste und Umwelt vorgesehen. Die Linke verfügt in der BVV Lichtenberg nicht über eine ausreichende Mehrheit und hat deshalb eine Kooperationsvereinbarung mit SPD und Grünen für diese Legislaturperiode geschlossen. Mit beiden Parteien sollen jetzt Gespräche über die neue Nominierung geführt werden. Die SPD hatte bereits zugesichert, dass sie weiter zu den Vereinbarungen stehe.

„Handstand auf schwankendem Boden“

Die Diskussionen auf der Linken-Versammlung am Sonnabend verliefen kontrovers. Die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch beschrieb den Zustand des Linken-Bezirksverbandes als aufgewühlt, erschüttert, enttäuscht, wütend und ratlos. Es herrsche „blankes Entsetzen über die schwere Niederlage“, sagte sie. Dem Wahlsieger in Lichtenberg sei „der Rückenwind verloren gegangen“. Dabei liegen die Wahlen erst gut zwei Monate zurück. In der vergangenen Woche hatte eine Findungskommission eine neue Kandidatin für das Amt der Bezirksbürgermeisterin zu finden. Ursprünglich galt als gesetzt, dass es eine Frau werden müsse. Doch in zahlreichen Gesprächen habe es nur Absagen gegeben, sagte Lötzsch.

Dass die Wahl dann auf Michael Grunst fiel, sei ein logischer Schritt gewesen, sagte Daniel Tietze. Grunst stand auf Platz zwei der Linken-Liste für die BVV-Wahl. Tietze hatte sich zuvor noch einmal gegen den Vorwurf verwahrt, Evrim Sommer sei von der eigenen Partei demontiert worden. Andreas Prüfer, noch Stadtrat in Lichtenberg kritisierte, unter den Lichtenberger Linken herrsche derzeit eine „Kultur der Verdächtigungen“, die überwunden werden müsse. Das wird in den kommenden zwei Jahren die Aufgabe von Gesine Lötzsch sein, die ohne Gegenkandidaten zur Bezirksvorsitzenden gewählt wurde. Sie hatte den Lichtenberger Kreisverband schon einmal 18 Jahre lang geleitet. Ihre neue Aufgabe bezeichnete sie als „Handstand auf schwankendem Boden“. Lötzsch appellierte unter anderem an ihre Parteifreunde, kontroversen künftig nicht mehr über die sozialen Netzwerke auszutragen.