Lichtenberger Mieter müssen ausziehen: Investor lässt Berliner Wohnhaus verfallen

Berlin - Vor einigen Jahren wurde ein Teil des Plattenbau-Karrees Frankfurter Allee/Ruschestraße/Dottistraße gelb-orange angestrichen. Die Elfgeschosser in Lichtenberg, gegenüber der einstigen Zentrale des DDR-Staatssicherheitsdienstes, sollten mediterranes Flair erhalten, an der Fassade wurde der Schriftzug „Casa mia“ (italienisch: mein Haus) angebracht. Doch den Schweizer Eigentümern, die den Wohnblock von der landeseigenen Howoge gekauft hatten, ging während der Verschönerung das Geld aus.

Aufzüge stillgelegt

Die restlichen Häuser blieben grau, Sanierungsarbeiten wurden nicht fortgesetzt, Instandhaltungen unterblieben. Inzwischen funktionieren die Fahrstühle nicht mehr, sie sind stillgelegt. Rohrleitungen sind marode, Flure beschmiert. Vorauszahlungen für Fernwärme und Wasser leitete der Investor, die schweizerische Firma Palu Suisse und ihr Rechtsnachfolger Reloni AG, nicht an die Versorger weiter. Jetzt ist der Eigentümer pleite – den letzten verbliebenen Mietern droht die Zwangsumsiedlung. Etwa 30 Mietparteien von 171 gibt es noch.

Die Häuser, verwaltet von der landeseigenen Howoge-Tochter Gratus, sollen zwangsversteigert werden. Am 24. April hat Vattenfall die Versorgung mit Wärme eingestellt, Strom- und Wasserversorger haben angekündigt, ab Ende Mai nicht mehr zu liefern. Die Mieter sind ratlos – denn es sind Leute, die sich allein kaum zu helfen wissen. „Darunter sind Menschen mit verschiedenen Suchterkrankungen, Alleinerziehende mit Kleinkindern, überschuldete Haushalte, viele Hartz-IV-Bezieher“, sagt Evelin Pakosta, Sozialberaterin und Bürgerdeputierte im Bezirksparlament. Sie weiß um deren Nöte, im Stadtteilzentrum Kiezspinne berät sie seit langem Bewohner aus dem heruntergekommenen Gebäudekomplex. Es sind Menschen wie Marietta M. (47), die mit Lebensgefährten und 65-jähriger Mutter im fünften Stock in der Ruschestraße wohnt. Das Paar bekommt Hartz IV, die Mutter eine kleine Rente. Alle drei sind krank und überschuldet.

Kein Geld für eine Umzugsfirma

Bereits seit Jahren wüssten die Mieter Bescheid über die Probleme mit dem Investor, sagt Fabian Peter, Referent von Baustadtrat Wilfried Nünthel (CDU). „Sie haben mehrfach Briefe von der Wohnungsverwaltung bekommen.“ Angebotene Wohnungen in Hellersdorf hätten die meisten abgelehnt – zu weit weg und mit Kaltmieten von 5 bis 6 Euro für sie zu teuer. Jetzt soll ihnen laut Peter erneut Wohnungen angeboten werden, vor allem in Hohenschönhausen. Marietta M. und ihre Familie hat trotz negativer Schufa-Auskunft zum 1. Juni eine Wohnung in Marzahn in Aussicht – „in einem voll sanierten Haus“. Doch wie sie den Umzug bewältigen soll, weiß sie nicht: „Ohne funktionierenden Fahrstuhl geht das nicht, wir können selbst ja nicht mehr tragen. Und für eine Umzugsfirma haben wir kein Geld.“ Laut Peter wird sich das Bezirksamt darum kümmern, dass die Mieter umziehen können, neben dem Bau- und Wohnungsaufsichtsamt seien auch das Sozial- und Jugendamt involviert. Das Haus wird als unbewohnbar erklärt. „Denn das ist es, wenn es keinen Strom, kein Wasser und keine Wärme gibt“, heißt es aus dem Amt.

Die drohende Zwangsversteigerung wird im Bezirk nicht nur negativ gesehen. „Ein neuer Eigentümer wird die Häuser, von denen man mit der U-Bahn nur zehn Minuten bis zum Alexanderplatz braucht, sanieren“, hofft Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD). Schließlich ist Lichtenberg zunehmend als Wohnort gefragt, insbesondere bei Menschen, die sich teure Wohnungen in der Innenstadt nicht leisten können oder wollen.

3000 neue Wohnungen bis 2013

Geisel sagt, dass etwa 1 000 Menschen jährlich nach Lichtenberg ziehen. Der Bezirk hat deshalb jetzt mit 14 Investoren, darunter die Howoge und Private, ein „Bündnis für Wohnen“ geschlossen. Damit soll der Wohnungsneubau angekurbelt werden. „Vereinbarungen sollen den Investoren schnelles Bauen garantieren und dafür durch verschiedene Modelle die Mieten für Durchschnittsverdiener bezahlbar halten.“ Bis 2013 sollen so rund 3 000 neue Wohnungen geschaffen werden, laut Geisel gibt es im Bezirk Potenzial für insgesamt 8 000. Bereits umgebaut wird beispielsweise ein altes Reichsbahngebäude am Bahnhof Lichtenberg, wo etwa 400 Einzimmer-Apartments entstehen – Warmmiete um 350 Euro.

Vermutlich wird auch in absehbarer Zeit der Häuserkomplex an der Ruschestraße wieder bewohnbar gemacht sein. Für die alten Mieter ist da dann aber kein Platz mehr.