Wann hat das nur angefangen, dass aus Apotheken Süßwarenläden und Kosmetikshops wurden? Ich stehe nun schon in der vierten Apotheke auf dem Heimweg vom Arzt und schaue mich um. Es ist eine über 100 Jahre alte Apotheke, stolz auf ihre Tradition, wie im Schaufenster zu lesen steht. Hübsch anzusehen mit dem damals üblichen dunklen Interieur. Doch in den Regalen und Körben das gleiche Bild wie in den drei modernen Vorgänger-Apotheken zuvor: Außer einem kleinen Posten Pflaster gibt es nichts, was an Versehrte oder Kranke erinnern würde.

Dafür massenhaft Bonbons, Bitterschokolade, Babycreme, Pflege für die reifere Haut und 1000 Sorten Diätpülverchen. Die Krönung direkt vor der Kasse: veganes Badesalz, seit 123 Jahren am Markt! Ich ringe um Fassung. Veganes Badesalz. Gab es das Wort vegan damals überhaupt schon?

Mein Rezept ruht immer noch auf dem Tresen, während ich die gesamte Auslage gescannt habe und innerlich koche, weil ich weiß, was kommt. Die Apothekerin tippt schweigend auf ihrer Computer-Tastatur herum. Das Rezept hat nur drei Positionen. Nichts Ungewöhnliches, ich habe kein seltenes tropisches Fieber und leide nicht an einem eben erst mutierten Erreger. Ich habe nur Krankheiten, die ein Viertel aller Deutschen auch hat. Ich warte auf den verhassten Satz. Und da ist er: „Darf ich Ihnen das … bestellen?“

Nein, darfst du nicht!, schreie ich still. Schmeißt den Diätkram und die Faltenlotionen raus und nutzt die Regale und Lager für Medikamente. Für Blutdrucksenker, Blutverdünner, Schilddrüsentabletten und Insulinpräparate. Was der Mensch halt zum Leben so braucht. Und wenn euch das „System“ keine Chance lässt, als Apotheker mit Salben und Tabletten zu überleben, statt mit Salbeibonbons, dann wehrt euch! Ich stünde bei einer Demo an eurer Seite.

Ruhig und höflich, wie ich bin, nicke ich stattdessen. Es gibt keine weitere Apotheke auf meinem Weg. Ich nehme das grüne Bestellzettelchen und werde morgen wiederkommen. Ich habe keine Wahl.