Berlin - Es ist kein gewöhnlicher Sonnabend für Holger Neuber, Inhaber des Lederladens Leathers am Helmholtzplatz. „Bei mir ist richtig Tamtam“, sagt Neuber. „Ostern ist für mich das, was für andere das Weihnachtsgeschäft ist.“

Wie jedes Jahr reist die internationale schwule Leder- und Fetischszene zu ihrem traditionellen Ostertreffen nach Berlin an, um Freunde oder solche, die es werden wollen, zu treffen, oder um auf die zahlreichen Partys zu gehen. Die Geburtsstunde des Ostertreffens kann man zwar nicht benennen, organisiert jedenfalls wird das Fetisch-Festival seit 15 Jahren vom Berliner Leder und Fetisch Verein (BLF).

„Für unsere Veranstaltungen verkaufen wir insgesamt 5000 Tickets, aber ich schätze, dass mindestens 10.000 Männer zum Lederwochenende in der Stadt sind“, sagt BLF-Vorstandsmitglied Stefan Casper. „Es findet ein richtiges Schaulaufen in Schöneberg statt. Alle brezeln sich auf. Ein Bild für Götter.“

Keine Nackten am Büfett

Im Axel-Hotel unweit vom Wittenbergplatz, das zur gleichnamigen, auf Schwule spezialisierten spanischen Hotelkette gehört, herrscht Hochsaison. „Bei anderen Hotels geht es zur Berlinale so zu“, sagt Direktor Oliver Böhme. „Wer jetzt noch eines der letzten Zimmer möchte, zahlt schon um die 180 Euro. Die Suiten sind schon lange weg.“ Mit dem Oster-Klientel hat Böhme kein Problem. „Ich bin zwar kein Leder-Typ, aber mit den Gästen ist es immer sehr entspannt“, sagt er. „Es sind auch Männer bei uns, die früher im Adlon waren. Dort zieht man in seiner Lederkluft aber die Blicke auf sich.“ Im Axel-Hotel ist das nicht so. Darauf, dass Standard-Benimmregeln eingehalten werden, achtet Böhme dennoch. „Nackte Haut am Büfett geht nicht.“

Wenn am Sonntagabend im Restaurant des Hotels zum 16. Mal der German Mister Leather gekürt wird, ist es hingegen Voraussetzung, zu zeigen, was man hat. Die drei Kandidaten müssen aber nicht nur mit ihrem Körper und ihrem Fetisch-Outfit überzeugen. „In der Fragerunde geht es um Spontaneität und Witz“, sagt Stefan Casper. Bevor der Gewinner sich mit der schwarz-rot-goldenen Leder-Schärpe schmücken darf, muss er auch noch zeigen, dass er ein besonderes Talent besitzt. „Alles ist möglich: Singen, Strippen oder eine Rede halten“, so Casper. „Der deutsche Mister ist das Bindeglied zwischen den nationalen Fetisch-Clubs. Die Mutter aller Schärpenträger.“

Diese Ehre wurde Stefan Caspers Mann, Frank, schon 2008 und 2009, zuteil. „Mit dem Tag der Wahl hat sich mein Privatleben auf einen Schlag geändert. Ich war ständig unterwegs, und mein Gesicht erkannte man überall“, sagt Frank Casper. Auch in die USA reiste der Titelträger, denn seit zehn Jahren nimmt der deutsche Ledermann automatisch an der Wahl zum „International Mister Leather“ in Chicago teil.

Maßgeschneiderte Weste

Ein Höhepunkt ist jedes Jahr eine Bootstour auf der Spree. „Die ist immer ratzfatz ausverkauft“, sagt Stefan Casper. „An Bord herrscht ein geselliges Miteinander unter Lederliebhabern mit Kaffee, Kuchen und Ortskunde.“ Tagsüber sei das Festival wirklich so gesittet, wie es klingt, sagt Casper. Nachts auf den Partys ist dann mehr möglich. „In den Lokalen gibt es Darkrooms, in denen man sich näherkommen kann.“ Insgesamt organisiert der Berliner Leder und Fetisch Verein mehr als 15 Veranstaltungen. „Abends falle ich kaputt ins Bett“, so Casper. „Wenn ich aber die glücklichen Gesichter sehe, weiß ich, dass sich der Aufwand gelohnt hat.“

Viel Aufwand nimmt auch Holger Neuber, der Lederladeninhaber vom Helmholtzplatz, auf sich. Für den German Mister Leather steuert er eine maßgeschneiderte Lederweste bei. Der Oster-Gewinn sei aber im Verhältnis mit der Arbeit, die er habe, nicht vergleichbar. „In den Urlaub kann ich von dem Geld nicht fahren, aber die Leute, die hier auftauchen, sind einzigartig.“