Was tun, wenn der Aufzug nicht fährt?
Foto: imago images/Hans Lucas

Berlin - Stellen Sie sich vor, Sie betreten Ihren Hausflur. Sie sind schlecht zu Fuß und eine schwere Einkaufstasche haben Sie auch dabei. Sie wohnen in der vierten Etage, 78 Stufen hoch. Sie drücken den Aufzugsknopf und warten. Doch es passiert nichts. Langsam steigert sich Ihr Unmut und schlägt um in Wut. 

In Gedanken gehen Sie alles durch, was möglicherweise Unheil anrichten könnte. Herdplatte angelassen? Fenster offengelassen? Stecker gezogen? Nach einigen Augenblicken sinkt Ihr Blutdruck wieder und Sie beginnen, rational zu denken. Sie haben zwei Chancen. Entweder Sie buckeln die Einkäufe die Treppe hoch oder Sie verlassen den Hausflur mit der Tasche und gehen in das Lokal Ihres Vertrauens. Ich habe letzteres getan.

Freilich ist das auch keine Lösung. Aber die Variante lenkt zumindest ab von der Frage, wie lange die Reparatur dauern wird. Anderthalb Stunden dauerte mein Aufenthalt in der Wirtschaft. Dann hatte ich mich von Bekannten überreden lassen, anstatt mich die Stufen hinaufzuquälen, lieber ein Zimmer zu mieten in einem Hotel ganz in der Nähe.

Der Gedanke setzte sich mehr und mehr fest und ein wenig Vorfreude kam sogar auf. Die Aussicht bewirtet und umsorgt zu werden, überwog jedoch. Ja zugegeben, auch Gedanken über die hundert Euro pro Nacht keimten auf. Aber der Geiz siegte nicht. Die Aussicht, einen Tag außerplanmäßig in einem Hotel zu übernachten, wurde stärker und stärker. Das einzige, das störte, war meine Tasche mit den Einkäufen. Wohin mit dem Brot, den sechs Eiern, dem Rapsöl und der Leberwurst? Es waren zu viel Erzeugnisse, um sie unbemerkt an der Rezeption vorbeischmuggeln zu können. Die Tasche an sich ist schon auffällig, weil sie geschmacklos mit Bildern von Melonen bedruckt ist. Der Wirt sprang ein. Er versprach, die Lebensmittel an sich zu nehmen. Kaum waren sie verstaut, betraten zwei junge Männer den Schankraum und bestellten jeder ein Bier. Sie redeten von nervigen Mietern, von Kabeln, Lötstellen und Leiterplatten. Irgendwann stellte sich heraus, dass sie von einer Service-Firma kommen, die Aufzüge wartet und repariert. Sie waren in meinem Haus. Mit einem Mal war die Freude über die bevorstehende Hotelnacht dahin. Der Lift fuhr wieder und brachte mich und meine Einkäufe hinauf in die Wohnung.

Drei Tage später war der Aufzug in meinem Haus wieder kaputt. Der Unterschied: Diesmal befand ich mich nicht im Erdgeschoss, sondern 78 Stufen höher in meiner Wohnung. Die Idee einer Hotelübernachtung kam mir in diesem Moment nicht. Zu Hause ist es halt doch am schönsten.