Der Sarotti-Mohr in osmanischer Tracht war vor allem in der jungen Bundesrepublik allgegenwärtig.
Foto: DPA/Uwe Anspach

BerlinAls er noch ein schwarzes Gesicht hatte, kannten ihn angeblich 98 Prozent der Deutschen. Damit wäre der Sarotti-Mohr der bekannteste Berliner gewesen. Als die Werbefigur im Jahr 1918 in Berlin entworfen wurde und erstmals zum Einsatz an der Schokoladen-Verkaufsfront zum Einsatz kam, stand der Erste Weltkrieg vor seinem Ende und Kaiser Wilhelm II. vor seiner Abdankung. Die deutschen Kolonien – und damit auch Kakao-Anbaugebiete – waren längst an die Sieger gefallen. Angesichts der Nachkriegsnot eine Genussoffensive zu beginnen, muss ein Wagnis gewesen sein: Jedoch wettete die schon damals traditionsreiche Berliner Schokoladen- und Konfisseriemarke Sarotti auf Konsumlust und Fernweh.

Das heutige Auge entdeckt an der Werbefigur Sarotti-Mohr alle Klischees, die einen Menschen aus dem Orient charakterisieren sollen: indischer Turban, osmanische Pluderhose, 1000-und-eine-Nacht-Schnabelschuhe. Mit Afrika hat diese Staffage nichts zu tun. Die Kombination der Kulturen nimmt die Orientalismusmode des 17. und 18. Jahrhunderts auf, als jeder Fürstenhof, der etwas gelten wollte, ein schwarzes Kind in Gewänder eines imaginierten Sultanlooks steckte und von diesem sündhaft teure Exotengetränke wie Kakao, Kaffee oder Tee servieren ließ.

1918: Reklame-Revolution mit dem Sarotti-Mohren

1896 verkaufte Sarotti allein von seinem Erfolgsprodukt „Sahnen-Creme-Chokolade“ sechs Millionen Tafeln. Der Genuss von exotischen Waren entwickelte sich zur Massenerscheinung – da musste die passende Werbung her, sinnlich, verführerisch. Bis dahin hatte Sarotti so bieder wie alle anderen geworben: Die Großstadtmenschen bekamen glückliche märkische Kühe und einen bienenumschwärmten Bären beim Plündern von Honigwaben zu sehen. 1918 wagte man die Reklame-Revolution.

Nach Kakaomangel und Produktionsrückgang wollte die Firma ihr 50-jähriges Bestehen feiern – mit dem Auftritt des Sarotti-Mohren am 27. August 1918. Sein Schöpfer Julius Gipkens (1883–1969) gehörte zu den Pionieren der modernen deutschen Plakatwerbung. Der Grafiker und Reklamekünstler hatte drei Knaben ersonnen, die beschwingt mit großen Schritten, jeder ein Tablett tragend, von rechts nach links schritten, so beschwingt, dass die Schöße des Kostümjäckchens in Preußischblau lustig wehten.

Zum werblichen Geniestreich geriet das runde schwarze Gesicht mit knallroten Lippen und großen Kulleraugen, dazu die Babyproportionen – überdimensionierter Kopf und knuddelig kurze Gliedmaßen. Die Figur entsprach perfekt dem Kindchenschema, das der Verhaltensforscher Konrad Lorenz erst 1943 so benennen sollte. Das von der Evolution im Stammhirn eingebrannte Bild des Schutzbedürftigen funktionierte zuverlässig, Kundinnen riefen beim Anblick des Mohren unwillkürlich: „Oh, wie süß! Oh, wie niedlich!“ Auf kürzestmöglichem Weg gelangte die Botschaft vom Hirn zum Portemonnaie. Werbung in Idealmanier.

Am 22. November 1922 ließ Sarotti die Einzelfigur als Markenzeichen amtlich eintragen. Für Jahrzehnte wohnte der Sarotti-Mohr auf Schokoladentafeln, Pralinenschachteln sowie in den Herzen der Berliner und der Kundschaft weit darüber hinaus. Die DDR kannte ihn aus dem Westfernsehen. Tauchte er aus dem Westpaket auf, herrschte Freude.

Dass seine Geschichte mit der Berliner Mohrenstraße zusammenhängt, liegt am Grafiker Gipkens. Er hatte sich von den Ursprüngen der Firma inspirieren lassen: Im Jahre 1868 hatte der in Paris zum Konditor ausgebildete, damals 24 Jahre alte Hugo Hoffmann aus Stuttgart in der Mohrenstraße 10 die Produktion edler Pralinen nach französischen Rezepten aufgenommen. Um seine feinen Produkte in angemessener Umgebung zu verkaufen, übernahm der Konditor 1878 die „Confiseur-Waren-Handlung Felix & Sarotti“. Deren Inhaber Heinrich Ludwig Neumann hatte seit 1852 in dem noblen Geschäft in der Friedrichstraße 191 „Confecte“ vertrieben, meist französische Waren, die „zu unwiderstehlicher Lüsternheit anregen“, wie die Vossische Zeitung meinte. Für seinen Laden hatte Neumann den Namen Sarotti ausgewählt – wie er darauf gekommen sein soll, erzählen mehrere unbelegte Geschichten. Sicher ist: Sarotti klingt exotisch gut.

Als 1871 Berlin zur Reichshauptstadt wurde und der Gründerzeitboom ausbrach, hatte Konditor Hoffmann das richtige Produkt zur rechten Zeit am besten Ort. 1883 war die Schoko-Küche in der Mohrenstraße zu klein geworden, größere Räume fanden sich in einem Fabrikgebäude an der Belle-Alliance-Straße 81 (heute Mehringdamm 57). 20 Jahre später hatte Hoffmann die beiden Nachbargrundstücke dazugekauft. Dort mischte und walzte man bis 1921 Schokolade. 1913 ging die weit größere Fabrik in der Tempelhofer Teilestraße in Betrieb – zeitweise die größte Schokoladenfabrik der Welt.

Österliche Sonderausführung: Sarotti-Mohr um das Jahr 2000 mit zu öffnendem Ei. Foto: DPA/Martin Schutt
Deutscher Kolonialismus

Die Größe: Die deutschen Kolonien in Asien, Afrika und der Südsee bildeten 1914 das an Fläche drittgrößte Kolonialreich nach dem britischen und französischen. Gemessen an der Bevölkerungszahl lag es an vierter Stelle nach den niederländischen Kolonien. Deutschland sah Kolonien als Auswanderungsziel für Siedler, als Rohstoffquelle und potenziell interessante Absatzmärkte.

Die Bezeichnung: Reichskanzler Otto von Bismarck nannte die deutschen Kolonien „Schutzgebiete“ – eine beschönigende Bezeichnung für unverkennbar koloniale Strukturen. Die militärischen Einheiten nannte man „Schutztruppe“. Offiziell „schützte“ das Reich die Interessen privater deutscher Handelsunternehmen. Zur Bekämpfung von Aufständen entsandte das Reich auch reguläre Soldaten. 

Der Geist: Ein Erlass des Deutschen Kolonialbundes formuliert die rassistische Grundhaltung: „Jeder Farbige hat einen Weißen als höherstehend zu betrachten. Vor Gericht kann die Beweiskraft eines Weißen nur durch sieben Farbige aufgewogen werden.“ Bismarck gab als Ziel aus, „den Eingeborenen Afrikas den Anschluss an die Zivilisation zu ermöglichen“.

Die Herrlichkeit aus Kakao, Milch und Zucker steht exemplarisch für Wohlstandszuwachs und zunächst auch für die Aussicht auf „deutschen“ Kakao aus deutschen Kolonien. Um 1880 lag der Kakaoverbrauch bei 0,06 Kilogramm pro Kopf. 1884 begann Deutschland, sich als Kolonialmacht in Afrika auszubreiten. 1912 konsumierten die Deutschen 0,81 Kilogramm pro Kopf (derzeit etwa drei Kilo) und importierten etwa 52.000 Tonnen Kakao. Die Produktion der deutschen Kolonien lief allerdings schleppend an, nur ein Bruchteil kam von dort: Kamerun lieferte 5265 Tonnen, Samoa 890 Tonnen, Togo 335, Neu-Guinea 741 Tonnen. Die große Menge kaufte man in Portugiesisch-Westafrika und Südamerika zu. Wie die Kakaobohnen produziert wurden, interessierte die Konsumenten damals noch viel weniger als heute.

Dass Schwarze dienend dargestellt wurden, wird den Generationen von Sarotti-Mohr-Liebhaberinnen und -Liebhabern nicht sonderbar vorgekommen sein. Hierarchie als Grundkonstellation der Gesellschaft stellten nur wenige infrage. Chef und Arbeiter auf Augenhöhe? Nicht vorstellbar. Die Leute waren neugierig, wussten aber wenig über die Verhältnisse in Afrika, Nahost und Asien. Ihr Bild speiste sich aus Abenteuererzählungen wie den Fantasien von Karl May, aus dem Besuch von Völkerschauen oder aus Bildgeschichtchen wie dem populären Neuruppiner Bilderbogen. Sie sahen Bilder von einfachem Leben ohne westliche Bildung und schlossen kurz auf eine schlichte Geisteswelt der fremden Völker.

Später kamen durch Filme genährte romantische Vorstellungen hinzu wie die vom edlen Wilden à la Winnetou. Mit der Verbreitung des Fernsehens nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Produktion klischeebeladener Filme noch zu und hat bis heute nicht aufgehört. Der deutsche „Entwicklungshelfer“, der der Dritten Welt Wissen, Kultur und Demokratie bringt, müsste längst als zweifelhafte Figur eingestuft werde, doch er lebt weiter.

Deutsche blicken heute kritischer auf die koloniale Vergangenheit

Die deutsche Kolonialzeit war kurz und enorm gewalttätig. Doch die unvergleichlichen Grausamkeiten des Holocaust überlagerten die Erinnerung. Deutschland war nach 1945 jahrzehntelang damit überfordert, sich hinsichtlich der Shoa ehrlich zu machen. Völkermord an den Herero, blutige Niederschlagung von Aufständen allenthalben – das war zu viel. Die Verdrängung schwindet nur langsam. Wer könnte heute die deutschen Kolonien zumindest aufzählen? Wer wüsste, wo Samoa, Kamerun, Togo, Deutsch-Südwest, Deutsch-Südost, Ruanda, Burundi, Kiautschou oder gar das Kionga-Dreieck liegen?

Zehntausende, in beengten Verhältnissen lebende arme Deutsche haben um 1900 von einem Platz an der Sonne geträumt, von einem freieren Leben in relativer Privilegierung – zum Beispiel am Fuße der Usambara-Berge. Nicht wenige trauerten in den 1920er-Jahren den verlorenen Kolonien nach. Dort verdeckte bald die nachfolgende Kolonialherrschaft, meist eine britische, die Erinnerung an die Schrecken der deutschen. Gegenwärtig blicken junge, in Deutschland geborene oder lebende, akademisch gebildete Leute mit afrikanischen Wurzeln, aber auch immer mehr Deutsche kritischer auf die koloniale Vergangenheit.

So wandelte sich auch der naive Blick auf den putzigen Sarotti-Mohren. Als Werbefigur taugt er nicht in einem sensibler werdenden Markt. Die Markeninhaber beugten Ärger vor – seit 2004 trägt der Knabe ein goldenes Gesicht, heißt „Magier der Sinne“ und jongliert auf goldener Mondsichel mit Sternen. An einer Wand der Sarotti-Höfe am Mehringdamm kann man das Berliner Original noch übergroß betrachten.