Ein Ort schöner Begegnungen kann auch ein Späti wie dieser sein. Foto: Imago Images

BerlinDer Mann am Kiosk beherrscht es auch. Sichtbar lächeln trotz Maske. Nichts kann sie ausrichten gegen das Dreieck aus Fältchen in beiden Augenwinkeln, das ich so häufig sehe in diesen Tagen, oft in Kombination mit dem Gruß „Auf Wiedersehen“. Zugewandtheit braucht keine blitzenden Zahnreihen. Das klingt banal, hat aber gerade Gewicht. Und die Formel „Auf Wiedersehen“ und ihre Verwandten einen neuen, schönen Ernst.

Nicht nur den freundlichen Mann im Kiosk habe ich nach langen Wochen wiedergesehen, sondern auch, neben einigen Freunden, Lieblingsorte. Orte, um die ich gebangt habe: Haben sie es geschafft? Ohne Kunden, ohne Gäste? Als ich sehe, dass Tische vor meinem Lese-Café stehen, lässt die Erleichterung mich kurz abheben. Jedenfalls fühlen sich die nächsten Schritte an wie ein kurzer Flug. Es ist fast 18 Uhr, der Kellner räumt bereits auf. In der Vitrine stehen noch etliche Törtchen und Kuchenstücke. Mir Inhalt und Machart jedes einzelnen zu erklären, lässt er sich trotz Feierabend nicht nehmen.

Weil sie nach seinen Ausführungen noch köstlicher aussehen, nehme ich am Ende alle. Schließlich warten zu Hause Menschen, die von sich behaupten, sie hätten einen Extra-Magen für Nachtisch. „Einen schönen Abend“ wünschen der Kellner und ich einander und fügen ein „Bis bald“ hinzu. Es klingt wie ein eheliches Treuegelöbnis und ist von meiner Seite auch so gemeint. Endlich kann man das wieder sagen. „Bis bald.“

Als ich an Extra-Mägen für Nachtisch denke, fällt mir der Crêpe-Verkäufer ein, den wir ein paar Tage zuvor auch endlich wiedergesehen haben. Irgendwann im März hatte er dem Kind ein winziges Probe-Crêpe gebacken, weil es sich nicht entscheiden konnte zwischen Vier-Käse und Schinken-Käse. Es war nicht größer als eine Oblate und wurde mit dem Versprechen überreicht, dass das Kind sich selber an der heißen Scheibe versuchen dürfe, sobald das wieder erlaubt sei. Beim Wiedersehen erinnert sich der Mann mit dem so passenden französischen Akzent daran. Das Kind will damit noch warten und ist kein bisschen verwundert darüber, dass sein Gegenüber es nach so vielen Wochen wieder erkannt hat. Sein „Tschüss, bis dann“ klingt, als ob es sich von einem Kumpel verabschiedet.

Man kennt sich eben. Fand ich es damals seltsam, dass der Teenager in der Leergutannahme sagte: „Heute allein? Alles okay mit Mutti?“ Nein. Schließlich ist sie sonst immer dabei. Damals war sie im Urlaub. In den letzten Wochen haben die Jungs im Getränkemarkt nicht nach ihr gefragt. Es lag ja auf der Hand, warum sie nicht mitgekommen ist. Dafür haben wir einmal sehr gelacht, weil einer von ihnen mir dienstags ein „Schönes Wochenende“ wünschte. „Nächstes Mal kommen wir wieder am Samstag. Versprochen“ habe ich gesagt, die blitzende Zahnreihe hinter der Plexiglasscheibe gesehen und gedacht: Ob mit Maske oder ohne, dass Zugewandtheit die vermeintliche Anonymität der Großstadt Lügen straft, ist, anders der schöne Ernst hinter den Worten „Auf Wiedersehen“ und „Bis bald“, nicht neu. Ich liebe beides.