Es ist Abend, die Kinder haben Hunger. Eigentlich will sie ein Curry kochen, nach dem Rezept aus dem Supermarkt-Kundenmagazin, das sie beim Einkaufen entdeckt hat. Sie hat alles besorgt: Paprika und Kokosmilch, eine Aubergine, Lachsfilet, Knoblauch, Zwiebeln, Reis.

Aber als sie in der Küche steht, ist sie auf einmal so unendlich müde. Die Kinder werden das Curry nicht mögen, fällt ihr ein. Es wird ihnen zu scharf sein, egal, wie wenig sie von der grünen Currypaste in die Kokosmilch rühren wird. Aber wenn sie zu wenig Paste nimmt, schmeckt es langweilig. Sie könnte das Curry natürlich in zwei Varianten kochen, einmal schärfer und einmal weniger scharf. Das wäre nur ein ganz kleines bisschen mehr Arbeit, eigentlich bräuchte sie nur einen zweiten Topf.

Rettung: Lieferservices

Die Müdigkeit hat sie fest im Griff. Kein Wunder: Nach der Arbeit ist sie erst zur Kita, dann zur Schule, dann mit beiden Kindern in den Supermarkt, dann trug sie die schwere Schulmappe und die Einkäufe nach Hause. Außerdem muss sie vor dem Kochen noch die Spülmaschine ausräumen, um sie wieder einräumen zu können. Das Geschirr vom Vorabend und die Reste vom Frühstück blockieren die Arbeitsfläche.

Auch muss sie Gemüse schnibbeln und Reis kochen und den Tisch decken und wieder abräumen. Außerdem: Irgendwas macht sie immer falsch, irgendeine Zutat fehlt immer bei ihren Currys, daran wird auch das neue Rezept nichts ändern.

Dann hat sie eine Eingebung und ist sofort extrem erleichtert. Sie verstaut Gemüse und Fisch im Kühlschrank, geht an den Rechner und sucht die Seite eines Lieferservices.

Verpackungen der Verpackungen

Sie bestellt sich ein Curry und den Kindern massig Sushi. Normalerweise macht sie sowas nicht, wegen des Verpackungsmülls und der prekären Beschäftigung der Lieferanten – da gab es doch mal einen großen Artikel? Und der Böhmermann, hat der sich nicht auch gerade für ausgebeutete Paketboten eingesetzt?

Ihr ist alles egal, so müde ist sie. Sie hat heute schon gearbeitet, nun sollen es andere tun. Der Botenjunge muss in den vierten Stock laufen. Bei anderen Gelegenheiten ist sie den Boten schon entgegengelaufen, aus Mitleid, aber heute will sie nicht.

Er lächelt trotzdem und scheint gar nicht genervt, er macht einfach seinen Job. Sie drückt ihm das Trinkgeld in die Hand und setzt sich mit den Kindern an den Tisch. Sie essen direkt aus den Plastikbehältnissen und überall stapeln sich die Verpackungen der Verpackungen.

Nie wieder

Beim Essen fragt sie sich, warum sie diesen kleinen Luxus nicht nur mit viel Geld, sondern auch noch mit Schuldgefühl bezahlen muss? Sie hilft doch dem Restaurant und dem Lieferanten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen – und sie schonte Ressourcen – nämlich ihre eigenen.

Sie ist satt und schiebt das Behältnis weg, das aussieht wie ein Katzenfutternapf, an dem fettige Reiskörner und der aussortierte Brokkoli kleben. Wieder denkt sie mit tiefem Bedauern daran, was das alles gekostet hat. Nein, schwört sie sich, das mache ich nie wieder. Wie jedes Mal.