Liegenschaftspolitik: Sozialwohnungen statt Ateliers

Berlin - Berlins freie Kunstszene verliert eines ihrer größten Atelierhäuser in der Stadt. Denn der Berliner Senat hat festgelegt, dass in dem sanierungsbedürftigen Plattenbau an der Prenzlauer Promenade in Pankow neue Sozialwohnungen entstehen. Für die Künstler und ihre Ateliers ist dann kein Platz mehr.

In dem früheren Bürogebäude an der Prenzlauer Promenade arbeiten zurzeit 70 Kreative. Bildhauer, Maler, Fotografen, Musiker und Designer haben sich in dem einstigen Bürogebäude der Akademie der Wissenschaften eingerichtet, zu guten Konditionen. Die Mieten liegen zwischen 2,50 Euro und 6,90 Euro pro Quadratmeter, Heizung und Strom inklusive. „Hier lässt es sich gut arbeiten“, sagt die Malerin Grazyna Zarebska. Für ihr etwa 20 Quadratmeter großes Atelier zahlt die Malerin jeden Monat 100 Euro warm.

Sanierung: Sechs Millionen Euro

Wann genau die Künstler ihre Ateliers verlassen müssen, das steht noch nicht fest, Fakt ist aber, dass sie keine rechtliche Handhabe gegen eine Kündigung ihrer Gewerbemietverträge haben. Denn der Liegenschaftsfonds Berlin hat ihnen einen Teil des leerstehenden Gebäudes im Jahr 2006 lediglich zur Zwischennutzung angeboten. Diese Zeit scheint nun abzulaufen, auch wenn es noch kein konkretes Datum für den Auszug gibt, heißt es beim Liegenschaftsfonds.

Eine städtische Wohnungsbaugesellschaft soll das Gebäude übernehmen, es wird nicht meistbietend an einen privaten Investor verkauft. Nach einer Sanierung, die etwa sechs Millionen Euro kostet, sollen in dem Haus später Sozialwohnungen entstehen. Sie kosten in der Regel weniger als Wohnungen auf dem freien Markt. Das Bauprojekt an der Prenzlauer Promenade gehört zum Vorhaben der Berliner SPD, 30 000 neue Wohnungen in der Stadt zu schaffen.

Die Künstler im Atelierhaus Prenzlauer Promenade sind entrüstet über den bevorstehenden Auszug. Sie sagen: „Wir werden nicht freiwillig gehen.“ Und sie wollen das Künstlerhaus behalten. Aber sie wissen auch: „Die Kunst hat kein Argument gegen den sozialen Wohnungsbau.“ So sagt es Herbert Mondry, Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) Berlin.

Keine bezahlbaren Räume für Künstler

Aber für Künstler sei die Situation in dieser Stadt miserabel. Denn von Jahr zu Jahr sinkt die Zahl der Werkstätten und Ateliers. Mussten im Jahr 2007 noch 20 Künstler ihre Ateliers aufgeben, waren es 2011 bereits 100. In diesem Jahr rechnet der Künstlerverband damit, dass etwa 200 Ateliers schließen, weil die Gebäude verkauft werden oder die Gewerbemieten zu hoch sind.

Viele Ateliers befinden sich in bezirkseigenen Gebäuden. Doch weil den Bezirken das nötige Geld zum Unterhalt der Häuser fehlt, geben sie die Immobilien dem Land Berlin. Der Liegenschaftsfonds verkauft sie oder nutzt sie für andere Zwecke. Aktuell betroffen sind derzeit Ateliers in der Gerichtsstraße, am Nonnendamm, in der Axel-Springer-Straße und in der Kyffhäuser Straße. „Im Innenstadtbereich gibt es heute keine bezahlbaren Arbeitsräume für Künstler mehr“, sagt Berlins Atelierbeauftragter Florian Schöttle. Und BBK-Vorsitzender Mondry sagt, Berlin lebe von der freien Kunst und der freien Szene. Aber Berlin tue zu wenig dafür.

Im vergangenen Jahr haben sich 900 Künstler beim Berliner Berufsverband Bildender Künstler gemeldet, weil sie neue Arbeitsräume suchen.