Ortrand - Das zweigeschossige Gebäude in Lindenau (Oberspreewald-Lausitz) ist hell verputzt. Die einstige Gaststätte wurde im vorigen Jahr zwangsversteigert. Seitdem besitzt das Anwesen, zu dem auch eine Scheune gehört, Sebastian R. Er hat ein Eventcenter daraus gemacht. Wegen dieses Mannes hat der Verfassungsschutz nun einen Brief an die 750 Einwohner zählende Gemeinde und auch an die Nachbar-Stadt Ortrand geschrieben. Denn auch dort hat Sebastian R. eine Immobilie erworben: das Deutsche Haus.

Florierender Versandhandel

„R. ist dem Verfassungsschutz Brandenburg als langjähriger Rechtsextremist und früheres Mitglied des verbotenen rechtsextremistischen Netzwerkes ,Blood & Honour’ bekannt“, heißt es in dem Schreiben an die Bürgermeister von Ortrand und Lindenau und den Amtsdirektor. Sebastian R. sei seit vielen Jahren tief in der rechtsextremistischen Szene verwurzelt.

Sein Name wird im aktuellen Verfassungsschutzbericht genannt. Die Behörde befürchtet nun, dass Lindenau durch ihn zum Treffpunkt der brandenburgischen und sächsischen Neonazi-Szene werden könnte. „Uns ist schon klar, wer da zu uns gezogen ist“, sagt Ortrands Amtsdirektor Kersten Sickert am Mittwoch.

Deswegen habe man ja auch den Kontakt zum Innenministerium gesucht. Es werde in der kommenden Woche ein gemeinsames Gespräch geben mit dem Mobilen Beratungsteam und dem Verfassungsschutz. Mehr wolle er derzeit nicht sagen. Lindenaus Bürgermeister Jürgen Bruntsch war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Nach Informationen dieser Zeitung findet das Treffen am Montag statt.

Sebastian R. ist aus Sachsen ins brandenburgischen Lindenau gezogen. Er betreibt nun auch seine beiden offenbar florierenden Versandunternehmen „One People One Struggle Records“ (OPOS Records) und „Greifvogel-Wear“ von dem kleinen Ort aus.

Bürgerlicher Anstrich statt "Hassmusik"

„OPOS Records“ gehört nach Angaben von Michael Hüllen vom Verfassungsschutz zu den Größen in Deutschland bei rechtsextremistischen Vertriebsunternehmen. Der Onlineversand von Sebastian R. und das noch immer in Sachsen ansässige rechtsextremistische Unternehmen PC-Records erwirtschafteten nach seinen Worten einen Umsatz von mehreren hunderttausend Euro im Jahr. R. vertreibt von Lindenau aus Tonträger mit Hassmusik und Klamotten mit szenetypischen Aufdrucken. Unter anderem veröffentlicht die märkische Band „Confident Of Victory“ bei „OPOS Records“.

Sebastian R. selbst versucht offenbar, sich in dem kleinen Ort durch Spenden für Sportvereine und Veranstaltungen beliebt zu machen und sich dadurch einen bürgerlichen Anstrich zu geben. Dabei ist der Mann laut Verfassungsschutz in der Vergangenheit mehrfach „in Konflikt mit strafrechtlichen Tatbeständen“ geraten“. Er ist nach Angaben der Experten zudem Mitglied der rechtsextremistischen Hassmusik-Bands „Hope For The Weak“ und „Outlaw“. Zuletzt sei Sebastian R. als Mitorganisator und Sponsor der europaweiten rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“ aufgefallen, heißt es.

„Es ist die Strategie dieser Leute, auf dem wenig besiedelten Land, wo alles auf dem Rückzug ist, den Kümmerer zu spielen“, sagt Ursula Nonnemacher, die innenpolitische Sprecherin der Grünen. Bei einer Kleinen Anfragen im Sommer des Jahres, die ihre Fraktion zu Hassmusik und Konzerten rechtsextremistischer Bands gestellt habe, sei auch der Name von Sebastian R. gefallen – als einer der aktivsten Produzenten und Händler rechtsextremistischer CDs in Deutschland.

Professionelle Hilfe

Natürlich könne man den Mann nicht aus dem Ort jagen, sagt Nonnemacher. „Aber wir empfehlen den Gemeindevertretern und Bürgermeistern, offensiv mit dem Thema umzugehen.“ Die Einwohner müssten ermutigt werden, Rechtsextremisten Widerworte entgegenzusetzen. Dazu müsse man sich professionelle Hilfe holen. „Es ist gut, dass das Mobile Beratungsteam vor Ort sein wird“, sagt sie. Sechs Teams gibt es in Brandenburg, sie helfen bei der kritischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten.

Für den Verfassungsschutz ist Sebastian R. nicht erst jetzt ein Thema. „Wir haben Lindenau und Ortrand schon seit einiger Zeit im Blick“, sagt Lothar Wiegand, der Sprecher des Innenministeriums. So seien die Kollegen vom Verfassungsschutz bereits Anfang des Jahres in den Gemeinden gewesen, um frühzeitig über den neuen Einwohner zu informieren.