Du redest wie deine Mutter.“ Der Satz gehört zum unveräußerlichen Verbalmobiliar der bürgerlichen Ehe. Leider ist er, obwohl man Mütter ja ehren soll, kaum je als Lob zu verstehen – geschweige denn als Einladung, nun Mamas Lebensweisheiten zu ventilieren, etwa bezüglich der heimhygienischen Überlegenheit feuchter Lappen gegenüber Staubwedeln. Im Gegenteil, der Satz soll eine Debatte abwürgen und ist insofern eine charmantere Version von „Schnauze, du nervst!“.

Mein Stadtteil hat eine Gruppe auf Facebook. Dort beklagte neulich jemand eine staatliche Ohnmacht angesichts vermehrter Einbrüche in der Nachbarschaft. Die erste Antwort lautete: „Sind Sie ein Besorgter oder AfDler?“ Es ging kein bisschen darum, ob der Mann Eigentumsdelikte nur halluziniert, die Polizei alles im Griff hat oder ungebetene Gäste auch mal ganz spannend sind. Wichtig war nicht die Aussage, sondern allein ihr, aktivistendeutsch gesprochen, „populistischer Sound“: Du klingst wie – die bald fünffache – Mutter Petry. Klappe zu, Affe tot.

Nicht jeder der als Nazi bezeichnet wird ist auch einer

Sahra Wagenknecht kennt das. Sie sagt mitunter Sachen, die AfD-Leute auch sagen. Das ist nicht nur „Guten Appetit“, sondern auch: „Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt.“ In meinen Ohren, tut mir leid, klingt das nicht ganz abwegig. Ich stehe auf Sprüche wie: Beiß nicht die Hand, die dich füttert. Aber darüber ließe sich streiten. Oder darüber, was kriminelle Migranten nicht nur denen antun, „die schon länger hier leben“, sondern vor allem den tatsächlich Schutzsuchenden.

Ach. Lieber dopst man mit der Stirn auf den Alarmknopf: Du redest wie die Rechten, nur eben mit der gespaltenen Zunge einer Natter. Geh doch rüber, nach Ost-Berl..., nein, Sachsen. Kommt dann noch Beifall von der sogenannten falschen Seite (und, klar, er kommt), dann gibt es für wahrhafte Ideologen an einer Person nichts Richtiges mehr. Dann ist schon der – gewiss nicht gerichtsfeste – Begriff Gastrecht ein rassistischer Übergriff. Am Rande: Wenn jeder Nazi ist, der von glühenden „Antifaschisten“ als solcher denunziert wird, auch schon mal bei Arbeitgebern oder Anzeigenpartnern, dann war das Dritte Reich ein Kindergeburtstag.

Bundesregierung fordert mittlerweile das Gleiche wie Pegida

Nun stehen viele derer, die Frau Wagenknecht wegen Nähe zum Klassenfeind geißeln, dem Megaschurken Donald Trump nahe, jedenfalls soweit es Moskau und den Freihandel betrifft. Keine Ahnung, wie sie damit fertig werden. Ich sehe darin kein Problem. Überzeugungen werden nicht falsch, weil der Falsche sie teilt. Die einen haben ihre Gründe, der andere hat seine. Wer danach gar nicht erst fragt, lebt in einer weltbildnerischen Wellness-Oase und hat auch sonst wenig Glück beim Denken. Ja, es nervt, ständig Unterschiede zu betonen, ohne Parallelen zu leugnen. Man muss auseinanderposamentieren. Der Einsatz rhetorischer Kontroversenkiller lässt da mehr Tagesfreizeit.

Übrigens habe ich den Eindruck, dass die Bundesregierung inzwischen redet wie die Bösen vor zwei Jahren. Obwohl, das ist ungerecht. Die waren damals weniger scharf. Wer’s nicht glaubt: Es gibt da ein „Positionspapier“ vom Dezember 2014, einfach „Pegida“ und „19 Punkte“ googeln. Das ist aber nur eine Feststellung und keine Kritik am Innenminister.