Berlin - Den besten Blick hatten die behelmten und sicherlich schwindelfrei mit Kletterseilen ausgestatteten Beamten auf dem Dach. Die Donnerstagssonne war bereits in Morgenstellung, ein milchiger Himmel spannte sich über Kreuzberg, und unten auf den Straßen war ja auch was los.

Von oben konnte man jedenfalls sehen, wo überall die Hamburger Gitter standen, die den Kiez seit Mittwoch in einen Sperrbezirk verwandelt hatten, wo all die Fahrzeuge parkten, die eintausend Kollegen zum Einsatzort gebracht hatten, und wie viele Menschen zusammengekommen waren, um etwas zu verhindern, das nicht mehr zu verhindern war: die Räumung der linken Szenekneipe „Meuterei“ in der Reichenberger Straße.

War die Aktion vielleicht doch etwas übertrieben in ihrem Ausmaß?

In der Summe ihrer Eindrücke wären die Beamten auf dem Dach also belastbare Zeugen gewesen, um bei der Beantwortung einer am Boden heftig diskutierten Frage zu helfen: Musste das wirklich sein oder war die Aktion vielleicht doch etwas übertrieben in ihrem Ausmaß?

Stellvertretend für die Zweifler sagte Hakan Taş, Mitglied der Linkspartei und des Berliner Abgeordnetenhauses: „Es ist problematisch, dass so viele Einsatzkräfte hier sind und die Demonstration nicht in Sichtweite stattfinden kann.“ Und: „Warum gibt es solche Maßnahmen in Pandemiezeiten?“

Stellvertretend für die Polizei sagte eine Sprecherin: „Hier sollen die Schlüssel an den Eigentümer übergeben werden.“ Und: „Wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor.“ Fassadenklettern inklusive. Spoiler: War gar nicht nötig. Vorschlaghammer und Kettensäge genügten.

Einsatzleiter: „Nicht spektakulär die Geschichte“

Eine Meuterei ist ein Akt des Widerstands, ein Verweigern des Gehorsams, und so gesehen hatte der Kneipenname auch am letzten Tag eine Berechtigung. Doch nach 20 Belagerungsminuten war die Räumung abgeschlossen, wurden zwei Frauen aus der „Meuterei“ geführt, trat der Einsatzleiter vor die Presse und verkündete wie ein unterforderter Actionheld: „Nicht spektakulär die Geschichte.“ Die Frauen wurden nach Feststellung ihrer Identität, wie es korrekt heißt, wieder freigelassen. Und jetzt? Meuterei unterdrückt? Nicht ganz.

Die Szene hatte bereits im Vorfeld zu Aktionen aufgerufen. In der Nacht vor der Räumung gingen Autos in Flammen auf, wurden Fensterscheiben eingeschlagen. Das war er also wieder, der Kampf gegen den Verlust von Freiräumen. Zerstört wird dabei aber auch der Rückhalt in der Bevölkerung. Und am Abend danach, bei der Hauptdemonstration, die am Mauerpark begann und kurz vor dem Alexanderplatz aufgelöst wurde? Brannte Pyrotechnik, flogen Steine, kam es zu Festnahmen, blieb es trotzdem, nun ja, verhältnismäßig friedlich. Weil man sich an diese Verhältnisse gewöhnt hat in dieser Stadt.

Es geht auch anders. Es gab Menschen, die sich am Morgen zu einem Konzert („Singen gegen die Räumung“) vor dem Spreewaldbad eingefunden hatten. Mit Abstand und Maske, versteht sich. Aus einem Lastenrad heraus wurden Filterkaffe und belegte Stullen verteilt, und am Rand, mit einem Fuß im Takt wippend, stand Susanne, Physiotherapeutin und Kreuzbergerin seit drei Jahrzehnten, sie sagte: „Schon wieder verschwindet ein Stück Kiezkultur. Wer soll deren Arbeit in Zukunft machen?“

Besichtigungstermin in der geräumten „Meuterei“

Die „Meuterei“ war ja mehr als nur eine Kneipe, wo sich jeder ein Feierabendbier leisten konnte. Im Hintergrund arbeitete ein solidarisches Kollektiv, entstand in den vergangenen zwölf Jahren ein Nachbarschaftstreff, eine Beratungsstelle, die etwa über die Fallstricke im Mietrecht informieren konnte. Susanne sagt: „Es war ein Rückzugsort.“ Sie habe einige schöne Abende am Tresen verbracht. Rauchend, bei Kerzenschein.

Dieser Tresen, ein mit Selbstgedrehten gefüllter Aschenbecher, Kaffeereste im Plastikbecher, Mundspülung, Umzugskartons in der Ecke, eine Plastiktüte mit Pinseln, all das war noch da, als die Polizei zum Besichtigungstermin in die geräumte „Meuterei“ bat, begleitet von einem Megafonruf aus Richtung der Demonstranten: „Damit ihr euch aufgeilen könnt.“ Das Gegenteil war der Fall.

Letzter Gruß an den Eigentümer

Frustrierender als eine pandemiebedingt geschlossene Kneipe ist eine in der Pandemie geräumte Kneipe, aus der fast alle Spuren des Nachtlebens verschwunden sind. Geblieben sind die Erinnerungen und – neben anderen künstlerisch eher uninspirierten Schmierereien – noch ein letzter Gruß an den Eigentümer, der 750.000 Euro für die Ladenfläche haben wollte: „Nenadic du bist 1 Schwein.“ 2019 war der Mietvertrag ausgelaufen, danach fand sich kein Kompromiss.

Bald werden hier Bauarbeiter anrücken und dann, wie Hakan Taş vermutet: „Wird es in den nächsten Tagen an den Meistbietenden verkauft.“ So wie die Wohnungen über der Kneipe, wo ein Bewohner kurz seinen Kopf rausstreckt und schnell wieder einzieht. Eine auf Metall scheppernde Protestpfanne wie die Nachbarn gegenüber hatte er nicht in der Hand.