Berlin - Ich habe ein Bild gesehen, auf Facebook, vor ein paar Tagen. Ein Freund eines Freundes postete es, über drei Ecken landete es auf meiner Seite. Das Foto zeigt eine Rolltreppe. Jede Stufe ist durch eine Linie in zwei Bereiche unterteilt – in der linken Hälfte steht „Walk“, „Gehen“, rechts „Stand“, „Stehen“.

Ich fordere das für Berlin.

Als ich aus meinem Heimatdorf in Sachsen 2009 in die Hauptstadt zog, waren Rolltreppen für mich Neuland. Auf dem Land ist vieles ebenerdig – und wenn nicht, muss man sich leider anstrengen. In Berlin war ich zuerst überfordert: Rolltreppen an Bahnhöfen, in Einkaufszentren, sogar in Kinos. In Kinos!

Rolltreppen treiben mir – und ich kenne viele, denen es ähnlich geht – den Schweiß auf die Stirn. Die Dinger gibt’s seit 125 Jahren, 1892 wurde dem Erfinder Jesse Wilford Reno das erste Patent erteilt. Wikipedia nennt sie schmeichelhaft „Personenbeförderungsmittel zur Überwindung einer Höhendistanz“. Kompliziert.

Die Rettungsgasse für Gestresste

Sehr einfach ist hingegen das ungeschriebene Gesetz, das ich schon bei meiner ersten Fahrt auf einer der sanft gleitenden Stufen lernte: Rechts wird gestanden, links gegangen. Damit Menschen, die es eilig haben, ungebremst emporsteigen können. Die Rettungsgasse für Gestresste. Eine simple Regel. Kein Problem in einer Stadt wie Berlin?

Willkommen in der Realität.

Immer wieder treffe ich Menschen, die von diesem Gesetz noch nichts gehört haben. Die eben keine Gasse bilden und stattdessen die Treppe blockieren. Die sich nebeneinander aufstellen, zu zweit, zu dritt. Verliebte, die so verliebt sind, dass sie es selbst während einer 30-Sekunden-Fahrt mit der Rolltreppe händchenhaltend nebeneinander stehen müssen. Touristen, die ihre Koffer nicht hinter, sondern neben sich stellen. „Nach mir die Sintflut“ wird zu „nach mir der Stau“. Denn irgendwer muss immer durch.

Einmal musste ich in einem Einkaufszentrum flink in eine der oberen Etagen, doch vor mir blockierte eine elegante Dame mit ihrer Tochter die Treppe. Also fragte ich: „Darf ich mal?“ Sie: „Machen Sie keine Hektik!“ Ich: „Es hat nicht jeder so die Ruhe weg wie Sie.“ Als ich mich vorbeischob, rief sie: „Ich kenne keinen Stress, nur Strass!“

Neben solchen Egoisten gibt es natürlich auch die, die es einfach nicht besser wissen – Touristen. Vor zwei Jahren wurde eine Lehrerin aus NRW bekannt, weil sie ihre Schüler vor einer Klassenfahrt mit einem „Berlin-Knigge“ ausstattete. „Niemals mittig oder links auf einer Rolltreppe stehen bleiben“, hieß es dort. „Wenn euch jemand anpöbelt, hat er recht. Vielleicht schubst er euch. Auch das muss ich gutheißen.“

Knöllchen für Falsch-Steher

Sicher würde die Beschriftung der Treppenstufen helfen. Bevor nun Kritiker um die Ecke kommen: Mir ist bewusst, dass es kaum möglich ist, alle Rolltreppen in Berlin mit Hinweisen auszustatten. Ich habe sowieso eine noch bessere Idee! Um die Unwissenheit der Berlin-Besucher in den Griff zu bekommen, sollten Hotels Kurse auf Übungs-Rolltreppen anbieten. Absurd, sagen Sie? Setzen sich Piloten denn sofort in ein echtes Flugzeug? Na bitte. Und wenn ich später mal Zeit habe, kaufe ich mir eine Polizeiuniform und verteile Knöllchen an Falsch-Steher. Das wird ein Spaß!