Die erstmals veröffentlichte Liste der Straftaten an und im Umfeld von Berliner Schulen sorgt für heftige Reaktionen. FDP-Innenpolitiker Marcel Luthe forderte, künftig neben privaten Wachschützern auch verstärkt den Objektschutz der Polizei einzusetzen, um Schulen zu sichern. Luthe war vor den Verfassungsgerichtshof gezogen, um die schulscharfen Daten mittels einer parlamentarischen Anfrage zu erhalten. Auf 224 Seiten gibt die Senatsinnenverwaltung deshalb nun die Straftaten im Umfeld aller 700 Schulen an.

Tatsächlich haben die so erfassten Delikte innerhalb der vergangenen vier Jahre deutlich zugenommen – von 8763 auf 9860 Straftaten. Die erfassten Körperverletzungen nahmen im gleichen Zeitraum sogar um gut 24 Prozent zu. Zur Beruhigung der Gemüter muss aber auch gesagt werden: An gut der Hälfte der Schulen ist die Lage gut, oft wurde gar keine Straftat erfasst.

Gemischte Reaktionen

Die Liste hat bei Berliner Eltern und der Politik eine Debatte um die Situation an den Schulen ausgelöst. „Eltern wissen jetzt endlich, was an welcher Schule los ist“, sagte Luthe. Sicherheit sei hier Staatsaufgabe. „Schüler müssen besser geschützt werden“, forderte auch der Neuköllner SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck. Die Spandauer CDU hatte jüngst erst eine stärkere Sicherung von Schulen beschlossen, Schüler sollten mittels Fingerabdruck Zugang erhalten.

Tom Erdmann, Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), widersprach in einer ersten Reaktion. „Es muss um eine bessere Prävention gehen“, sagte Erdmann. Das bedeute: mehr Schulpsychologen und auch mehr Sozialarbeiter, um es gar nicht erst zu Konflikten kommen zu lassen. „Schulen sollten jedenfalls nicht zu Hochsicherheitstrakten werden.“

Liste führt zu Fehlinterpretationen

Auch die Grünen-Bildungspolitikerin Marianne Burkert-Eulitz forderten eine „Null-Toleranz-Politik bei Gewalt an Schulen“. Je früher man hier Grenzen aufzeige, desto klarer sie das für alle Beteiligten. „Hierbei sind viele Schulen überfordert und fühlen sich allein gelassen“, sagte Burkert-Eulitz. Deshalb habe der rot-rot-grüne Senat weitere Verbesserungen für die Schulen beschlossen.

„Die Zahl der Gewaltvorfälle ist besorgniserregend“, sagte Maja Lasic, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, und mahnte, dass jeder Schüler das Recht darauf habe, sicher zu sein. Aber sie bezweifelte auch, dass die von dem FDP-Politiker Luthe erzwungene Liste die Schulen weiterbringe. „So wie Herr Luthe es gemacht hat, sollte man es besser nicht machen“, sagte Lasic.

Tatsächlich jedoch liefert die Liste nicht genau das, was Luthe wollte. Denn es sind alle Straftaten aufgezeichnet, deren Tatort-Anschrift in der Nähe einer Schule ist. Das führt zu Fehlinterpretationen. So wurden am altehrwürdigen Zehlendorfer Schadow-Gymnasium über die Jahre jeweils mehr als 20 Straftaten registriert – für den Schulleiter völlig unverständlich. Offenbar liegt das an der Nähe zum S-Bahnhof Zehlendorf. Straftaten im Bahnhofsumfeld werden der Schule zugeschlagen.

Aussagekraft der Zahlen ist fraglich

Noch verworrener ist es mit der Klinik-Schule auf dem Gelände des Weddinger Virchow-Klinikums. Dort werden psychisch kranke Schüler behandelt. Unter der Adresse Augustenburger Platz sind laut Innenverwaltung im vergangenen Jahr 349 Straftaten registriert worden, darunter 140 Diebstähle.

Dieser Höchstwert in Luthes Auflistung kommt allerdings dadurch zustande, dass sämtliche Straftaten, die auf dem gesamten Klinik-Areal verübt wurden, dieser einen Adresse zugeordnet werden. Also jeder Diebstahl im Krankenhaus. In der Klinik-Schule selbst wurde, anders als in unserer gestrigen Ausgabe dargestellt, keine einzige Straftat registriert, wie die Schulleitung mitteilte.

Ähnlich verhält es sich mit der hohen Anzahl von Straftaten im Bereich der Schule am Grünen Grund, auch hier firmiert unter derselben Postadresse ein Krankenhaus samt Psychiatrie.

Problemfall Spandau

Mit besonders vielen registrierten Straftaten fallen Schulstandorte in Spandau (1755), Tempelhof-Schöneberg (1329) und Mitte (1145) auf. An der Ernst-Schering-Sekundarschule in Wedding etwa registrierte die Polizei voriges Jahr 47 Straftaten, darunter 26 Körperverletzungen.

An der Carl-Kraemer-Grundschule wurden sogar 52 Straftaten registriert, allerdings hängt das vor allem mit Streitigkeiten im bewohnten Vorderhaus des Schulgebäudes zusammen – wieder alles unter der gleichen Postadresse. Auch rund um Schulen in Tempelhof-Schöneberg und Spandau stellte die Polizei viele Straftaten fest. An der Gustav-Langenscheidt-Sekundarschule in Schöneberg kam es zu 55 Straftaten, darunter 33 Körperverletzungen.

„Sonstige Straftaten“ 

In Spandau sticht die B.-Traven-Gemeinschaftsschule mit 47 Delikten hervor. Weil dort wiederholt schulfremde Jugendliche eindrangen, hat die Schule einen privaten Wachdienst engagiert. Besonders hoch ist die Zahl ausgerechnet an der beliebten Bettina-von-Arnim-Sekundarschule im Märkischen Viertel. Dort stellte die Polizei 74 Straftaten fest, davon allein 59 „sonstige Straftaten“. Schulleiter Ralf Heitmann kann sich das nicht erklären. „Wir haben hier ein gutes Schulklima, gehen respektvoll miteinander um“, sagte er.

Tatsächlich hatte FDP-Politiker Luthe etwa nach Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Sachbeschädigung, Raub, Diebstahl, Drogen- oder Sexualdelikten gefragt. Was nicht darunter fiel, hat die Polizei unter „sonstige Straftaten“ gesammelt.

„Das können Umweltdelikte, Verstöße gegen das Ausländerrecht, aber auch Haus- und Landfriedensbruch sein und vieles mehr“, erläuterte ein Polizeisprecher. Auch wenn abends vor dem großen Areal der Bettina-von-Arnim-Schule eine kriminelle Handlung stattfinde, werde das als Straftat an der Schule erfasst.

Krisenteams und Kooperation mit der Polizei

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verweist auf gesellschaftliche Probleme, die in die Schulen getragen werden. Deshalb habe sie alle Schulen aufgefordert, Krisenteams zu bilden, die auch bei Gewaltvorfällen sofort eingreifen, außerdem gebe es über 200 Kooperationen von Schulen mit der Polizei.

„Ich erwarte auch, dass Bezirke als Schulträger die Gebäude sichern, wenn es immer wieder Probleme mit Schulfremden gibt“, sagte Scheeres. Damit spielt sie auf Vorgänge an der Schöneberger Spreewald-Grundschule an. Dort hatte die Schulleiterin den Stadtrat lange Zeit vergeblich um eine Gegensprechanlage für die Schulgebäude gebeten, damit nicht immer wieder fremde Jugendliche oder auch Eltern und Verwandte von Schülern den Hof unsicher machen. Als nichts geschah, engagierte sie einen privaten Wachdienst – der Fall machte bundesweit Schlagzeilen.

Nicht überall steigt die Zahl der Straftaten

An einigen Schulen hat sich die Zahl der festgestellten Straftaten deutlich verringert. Zum Beispiel an der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Gemeinschaftsschule in Hellersdorf. Dort hatte die Schulaufsicht zuvor für personelle Änderungen gesorgt. In der Folge ging man entschiedener gegen störende Schüler vor.

Die wenigsten Straftaten stellte die Polizei an Schulen in Pankow (554), Steglitz-Zehlendorf (551) und Treptow-Köpenick (416) fest.