Mit dem Kuss stimmt etwas nicht. „Münder können sich beim Küssen nicht kreuzen, weil die Lippen spitz werden“, sagt Katharina Schmidt. Der Kuss ist eine Szene in einem Roman. Madeleine Hofer hat sie gerade vorgelesen. Es ist ihr Roman. Sie notiert die Anatomiekritik auf ihrem Manuskript und fährt fort.

Acht junge Menschen hören ihr dabei hochkonzentriert zu. Sie sitzen in einer Wohnung im Prenzlauer Berg um einen mit Pasta, Käse und Weinflaschen gedeckten Tisch herum. Warme Abendluft strömt vom Balkon ins Wohnzimmer.

Katharina Schmidt und Madeleine Hofer gehören zum elfköpfigen „Autorenkombinat Torben B.“. Es entstand durch einen Zufall. 2011 hatten sie sich alle einzeln für ein Stipendium des Literarischen Kolloquiums Berlin beworben, wo jedes Jahr 300 bis 400 Einsendungen eintreffen – und wurden abgelehnt. Die Absage per E-Mail wurde versehentlich nicht als Blindkopie verschickt. Jeder konnte sie sehen. Daraufhin traten die jungen Literaten miteinander in Kontakt.

„Das ist ein bisschen, als ob man sich im Pornokino treffen würde. Wir wussten alle voneinander, dass wir nicht für das Stipendium ausgewählt worden waren. Und dann haben wir gesagt: Scheiß drauf, wir arbeiten jetzt zusammen“, sagt Julia Powalla. Alle Kombinats-Mitglieder wissen aus eigener Erfahrung, wie einsam der Schreibprozess manchmal ist. Deshalb treffen sich die elf Autoren im Alter zwischen 28 und 44 Jahren jeden zweiten Donnerstag und werden zu einem Team von Erzählstrategen. Außerdem veranstalten sie Lesungen, die meist rappelvoll sind. Darüber staunen sie selbst, denn schließlich hat noch niemand einen Roman veröffentlicht. Aber sechs von ihnen haben bereits in Anthologien publiziert, Julia ist Finalistin beim open mike 2008 geworden und Anne Reinecke hat vergangenes Jahr doch noch das Stipendium gewonnen.

Unsicherer Karriereweg

Aus dem Autorenkollektiv sind Freundschaften entstanden, ein Paar hat sich hier gefunden. „Auf den Lesebühnen wirst du oft fertig gemacht“, sagt Uli Müller, „wir helfen uns mit konstruktiver Kritik auf der Textebene“. Nina Bolders bietet Cupcakes mit Matchateepulver an, das sie aus Japan mitgebracht hat. Die 36-Jährige ist Stewardess und außer Katharina, die Hörspiele und Theaterstücke publiziert, bestreiten auch die anderen mit ganz unterschiedlichen Tätigkeiten ihren Lebensunterhalt: Anne Reinecke ist Stadtführerin, Moritz Hampel ist Gamedesigner, André Krüger arbeitet bei einer Film-PR-Agentur, Julia Powalla gibt Schreibworkshops und neuerdings traditionelle Thai-Massagen, Judith Strohm ist für eine Stiftung tätig, Madeleine Hofer gestaltet Erklärclips, Uli Müller ist Pressesprecherin und Anne Mairo wird ab Herbst in Harvard promovieren. Alexander Uhlmann telefoniert für ein Callcenter in Dublin.

Einen sicheren Weg, um erfolgreich Autorin oder Autor zu werden, gibt es nicht. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 14.838 belletristische Neuheiten publiziert, wie der Börsenverein des deutschen Buchhandels sagt. Es ist nicht einfach zu veröffentlichen, aber das ist für sie kein Grund aufzugeben. So hat Anne Mairo einen Roman beendet, Uli Müller und Nina Bolders möchten ihren retten, André Krüger hat zwei und Moritz Hampel sieben Romane geschrieben, beide haben sich jetzt eine Literaturagentur gesucht.

Woher der Name Torben B. kommt, wird nicht preisgegeben. „Wir hatten uns versprochen, das nicht zu verraten, das ist unser Gründungsmythos“, erklärt Anne Reinecke. „Torben geistert durch unsere Texte.“ Die Gruppe ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Aufnehmen möchten sie niemanden mehr. „Wir haben kein ästhetisches Manifest. Aber wir haben noch nie gestritten und denselben Humor“, sagt Judith Strohm.

Das Autorenkombinat Kommando Torben B. liest das nächste Mal gemeinsam am Freitag, 2.8., 19 Uhr im Laika, Emser Straße 131 www.kommandotorbenb.de