Ich bin Potsdamerin. Das hört man mir nicht an. Es gibt keinen Potsdam-Tonfall. Überhaupt hat Brandenburg keinen hervorstechenden Dialekt wie Schwaben oder Sachsen, als wollten sich die kommunikativ zurückhaltenden Brandenburger auch bei der Mundart nicht verausgaben. Vielleicht fiel auch niemandem ein, das Brauchtum einer Sprechweise zu pflegen, für die es erst seit der Wende ein zugehöriges Land gibt. Bevor „Brannenborch“ 1990 auf dem Territorium von drei DDR-Bezirken entstand, war die „Streusandbüchse“ alles mögliche gewesen, aber nie ein Land.

Wendungen wie „huckeduster“, „Flitzpiepe“, „Hau rinn!“ als freundlich gemeinter Gruß oder „Jenaupe!“ als begeisterte Zustimmung sind Ausnahmen. Ansonsten komme ich im Rest-Deutschland gut durch, ohne sofort mit einer Region identifiziert zu werden; selbst wenn es sich um die schärfste dialektale Prägung, diesen knackigen, bodenständigen Slang handelt, der sachlich trocken hingerotzt wird und zerstäubt wie ein Spuckefleck im Sand und sich durch Weglassen ganzer Konsonantengruppen am Ende eines Wortes auszeichnet, bevorzugt „ch“ wie in „weeßickni“ und „Lass do ma“.

Dabei wurde hier einmal Platt gesprochen. Ein Platt, das vom Flämischen, Wendischen, Polnischen, Russischen, Französischen, Böhmischen, sogar Schweizerischen eingefärbt wurde.

Das geübte Ohr hört noch heute ein sprachliches Nord-Süd-Gefälle. Die Bewohner des Nordens, Prignitzer oder Uckermärker, erkennt man an einer zarten Herbheit, die sich selten als überschwängliche Fabulierlust äußert. Hier wird nicht filigran formuliert, sondern sparsam gebrummt, oft begleitet von mürrischer Melancholie.

Die Niederlausitzer und Fläminger, die dem Preußischen weniger lange ausgesetzt waren, legen die gedehnte Sprechweise von Mittelgebirgsmenschen an den Tag, die dazu einlädt, sich gemeinsam in einem Gespräch aufzuhalten, darin zu weilen. Sprechen ist am südlichen Rand weniger Informationsaustausch, als herzliche Umarmung. Die Bewohner Jüterbogs, Bad Belzigs oder Senftenbergs sind „Muss-Preußen“, jene Menschen, die erst nach dem Ende des Ancien Régimes, also im frühen 19. Jahrhundert, nach Preußen zwangsintegriert wurden. Ihre Mundart ist vom Sächsischen nicht weit entfernt. Die Sprechwerkzeuge neigen wie von selbst dazu. Es klingt, als drücke die Zunge beim Sprechen stärker als sonst auf die Vokale und mache sie weicher. Man könnte auch sagen: Die Niederlausitz trauert ihrer sächsischen Vergangenheit immer noch nach.

Beides droht jedoch, verwässert zu werden. Schuld daran ist Berlin. Das märkische Platt fiel bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts dem Icke-dette-kieke-Mal-Jargon zum Opfer.

Einige Figuren in den Romanen Theodor Fontanes parlieren für heutige Leser völlig unverständlich. Und wer weiß noch, dass an Johanni „die Tüffel behüügt sin müttn“, wenn diese nordmärkische Bauernregel keiner mehr übersetzen kann und die Kartoffeln demzufolge unbehäufelt liegen bleiben. Auch der Aufforderung: „Wier richtig angeln will, mütt sich ne Angelkort köpen, dät wer ok früher so“, werden die Angler an den Uckermärkischen Seen nicht nachkommen können, was die finanziellen Einbußen der Gemeinden weiter erhöht. Und wie unverstellt sagte man einst beim Dorftanz zwischen Busendorf und Paaren: „Kumm danz mit mi.“ Hatte das mit dem Tanzen geklappt, wusste man im Südmärkischen auch, wie es ein Leben lang weitergeht: „Wenn derr Kickeriehoahn een Kernecken gefungen hat, denn ruept hä siene Hindere un jifft et die“ – Wenn der Hahn ein Korn gefangen hat, dann ruft er seine Henne und gibt es ihr.

Auf den ersten Blick scheint das Nein damals zur Fusion von Berlin und Brandenburg ein schlichter Selbstbehauptungsreflex der 2,5 Millionen Brandenburger gewesen sein, die sich der Kodderschnauze von 3,4 Millionen Berlinern gegenüber sahen. Ein Ruf nach Abgrenzung, wenn sich dieser Sprachraum immer weiter ausdehnt! Schon 1860 wurden dem Landkreis Niederbarnim die Orte Wedding und Moabit und dem Landkreis Teltow Schöneberg und Tempelhof entwendet. 1920 verschlang Groß-Berlin außer Charlottenburg und Köpenick weitere 60 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke.

Und das ging so weiter: Zuerst kommen die Plakate für Baugrundstücke, dann die Tankstellen, Asia-Imbissbuden und Möbelmärkte, dann stehen frisch verputzte Häuser nackt auf dem Acker, der bald anwohnerfreundlich mit riesigen Lebensmittelmärkten ausgestattet wird, für die es eine auch für Lastkraftwagen befahrbare Straße braucht. Die Straße muss direkt vor der neuen Veranda verlegt werden, weshalb man dort Transparente aufhängt mit der Forderung nach einer Umgehungsstraße, und ehe man sich’s versieht, hat man drei Umgehungsstraßen mit lauter Tempo-30-Zonen, weil an ihnen wiederum Häuser gebaut wurden, und bald heißen auch Orte wie Falkensee, Blankenfelde oder Erkner einfach Berlin. Mit den Ortsnamen fallen die Reste der nördlichen und südlichen Verfeinerungen der märkischen Sprache weg.

In den Neunzigerjahren gab es eine ganz hinterhältige Unterwanderung: Sechs Millionen Tonnen Berliner Boden wurden in den Tagebau Lübbenau-Süd gekippt. Der halbe Potsdamer Platz überfremdete den Karnickelsand! Auf den Erdaushub von der riesigen Hauptstadt-Baustelle wurden eiligst Wald und Getreide gepflanzt, damit von der heimlichen Migration nichts bemerkt wurde, und mitten in der Niederlausitz breiten sich seither Berliner Pflanzen aus!

Allerdings hätte man, als im Raum Belzig noch Mittelmärkisch gesprochen wurde, schulterzuckend dazu gesagt: „Aberglobe nenn de Lüde det, wo se dran jloben, wat aber joanich die Woarhet is.“

Und da den Brandenburgern mit der Mundart nicht auch ihre gesunde Skepsis verloren ging, sind sie relativ immun gegen gesellschaftliche Hysterie. Dafür haben sie beide Beine zu fest auf der Scholle. Die Skepsis gilt allem Menschlichen, speziell seinem Ausdruck, der Sprache. Man folgt der Maxime: stilles Rackern, statt lautes Deklamieren.

Die Themenvielfalt ist so groß wie überall; es kommt darauf an, sie mit dem kleinstmöglichen Wortaufwand zu bewältigen. In der Melkanlage oder auf dem Gurkenflieger wird nicht gequatscht, denn das kostet Energie.

So ziehen Zeitgeisttrends oft ungestört an Brandenburg vorüber. Wozu etwas beschnattern, was ohnehin kurzlebig ist? Und fürs Zwischenmenschliche taugt die Sprache nicht, weil die Worte nie so tief reichen, wie beim Brandenburger die Gefühle sitzen. Das Ideal heißt: wortloses Verstehen. Was sich zusammenschweigt, hält ewig.

„Jenaupe!“, ruft der tätowierte Jungbrandenburger und lässt seinen frisierten Polo aufheulen.