Fürstenwerder - „Sind Sie Ausländer?“ Das ist normalerweise keine Frage, mit der Bekanntschaften beginnen. Doch in diesem Fall stand diese Frage am Anfang einer ganz besonderen Geschichte. Einer Geschichte, die in der Bäckerei Ihlenfeldt in dem 750-Einwohner-Dorf Fürstenwerder weit weg von Berlin begann, und die mit dem Preis der Leipziger Buchmesse noch lange nicht zu Ende gegangen ist.

„Ich bin in die Bäckerei gegangen, um eine Puddingbrezel und Orangensaft zu kaufen“, erzählt der Schriftsteller Saša Stanišic, der damals im Norden der Uckermark auf Empfehlung von Freunden Romanstoff suchte. Dort traf er den Bäckermeister Henning Ihlenfeldt. „Das Erste was er mir sagte, war: Sind Sie Ausländer? Er meinte das auf eine sehr neugierige Art und Weise.“

Der Uckermärker und der junge Mann, der in Bosnien geboren worden ist und Deutsch mit Akzent spricht, fanden sich sympathisch. Vieles von dem, was Ihlenfeldt als Chef der „Heimatstuben“ aus der Geschichte erzählte, die Fürstenwerder oft übel mitgespielt hat, verwob Stanišic in dem später preisgekrönten Roman „Vor dem Fest“. Einem Roman aus dem fiktiven Dorf Fürstenfelde. Mit der Malerin Frau Kranz, einer Füchsin, die Eier klaut, mit Herrn Schramm, einst Oberst der Nationalen Volksarmee, einem Bäcker, Geschichten, Erinnerungen und Mythen. Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV.

Jetzt steht der Schriftsteller wieder vor der Bäckerei Ihlenfeldt, deren Seniorchef leider im Urlaub ist. Doch am vergangenen Sonnabend ist der 37-Jährige nicht allein, er hat 120 Menschen im Schlepptau, was in dem verschlafenen Fürstenwerder für Aufsehen sorgt. Stanišics Führung ist einer der Höhepunkte des „Wortgartens“ – eines neuen Literatur- und Musikfestivals in der Uckermark, das vom Künstler-Netzwerk Kook aus Berlin am Wochenende erstmals organisiert wurde.

„Du kommst da rein“

„Mir ist das nach wie vor nicht ganz geheuer, die Herstellung der Verbindung zwischen dem real existierenden Ort und meinen Geschichten“, hatte Stanišic noch im April in einer Mail geschrieben. Er wolle nicht, dass Fürstenfelde mit Fürstenwerder verglichen wird. Am Sonnabend zeigt er auch die Furcht, die manch ein Autor hat, wenn Leserinnen und Leser massenhaft auftauchen und etwas wollen. Liebe kann aggressiv sein. Nervös schaut er auf den Menschenauflauf vor der Pension Alte Molkerei, in der er mit seiner Familie übernachtet hat. Und auf die vielen Autos mit Kennzeichen wie M für München, HH für Hamburg, AG für Kanton Aargau in der Schweiz.

„Ich habe mit acht Besuchern gerechnet“, sagt Stanišic. „Ich dachte, ich rasiere mich, dann erkennt mich keiner.“ Doch dann geht es los, und bei jeder Station seines Rundgangs gerät Stanišic immer mehr in Fahrt.

Es zeigt sich, dass es noch mehr ungewöhnliche Momente gab, die ihn angeregt haben. Zum Beispiel am Ortsrand, wo die letzten Grundstücke in Kornfelder zerfasern. „Abends bin ich mit dem Auto hierher gefahren und ausgestiegen. Es war nichts los.“ Doch sein erster Eindruck war falsch. „Plötzlich kam ein Fuchs vorbei, blieb vor dem Auto stehen und sah mich an. Da wusste ich: ,Du kommst da rein‘“ – rein in die Handlung des Romans.

Stanišic zeigt die Pension Alte Molkerei, die in seinem Buch als „Pension Alpschnitter“ vorkommt. und in der er mehrmals gewohnt hat. „Die Wirtin ist ungeheuer zuvorkommend und hat mir viele Kontakte verschafft.“ Er führt seine Fans zur Promenade am Dammsee, wo eine seiner Figuren, die nachtblinde Frau Kranz, ein nächtliches Seestück zu malen versucht. Auch Frau Kranz hat ein Gegenstück im wirklichen Fürstenwerder: Es ist der Maler Andreas Kranzpiller, der bald 91 Jahre alt wird. „Ich komme aus Bosnien – er ist Donauschwabe, kommt aus dem Banat in Rumänien. Wir haben uns verstanden.“

Beat-Club im LPG-Hühnerstall

Es geht auch um das, was geschieht, wenn sich Stadt- und Dorfbewohnern begegnen. Wenn Menschen mit unterschiedlichen Lebensweisen aufeinandertreffen. Manchmal geht es gut – wie bei der Pensionswirtin. „Ist doch schön, wenn Menschen gern in die Uckermark kommen“, sagt Gisela Marscheider, die auch nicht von hier stammt. Sie hat in Halle Biologie studiert, und als ihr Mann bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) Arbeit bekam, zog sie hierher.
Manchmal passiert bei solchen Begegnungen auch gar nichts wie beim Dorfrundgang, den die Einheimischen fast nur aus der Ferne beobachten – meist skeptisch. Und es gibt Ablehnung: Im Großen See vor der Stadtmauer baden süddeutsche Touristen, sprechen Dialekt – und ernten unwirsche Reaktionen.

„Die Menschen hier haben andere Themen als Literatur“, sagt Detlef Graf von Schwerin, der mit seiner Frau Kerrin den Garten des Guts Bülowssiege für das Literaturfestival zur Verfügung gestellt hat. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, wer eine Stelle hat, muss oft weit fahren. Da bleibe nicht viel Energie. Fürstenwerder ist überall, sagt Stanišic. Als er in Brasilien vorlas, musste er die Uckermark nicht groß erklären. „Dörfer, aus denen die Jungen wegziehen, gibt es in Brasilien auch.“

Doch es gibt auch Menschen wie Bäckermeister Ihlenfeldt, Machertypen. Als Jugendlicher war er 1966 Mitbegründer eines Beat-Clubs, der in einem ehemaligen LPG-Hühnerstall logierte. Die jungen Leute wollten Mädchen treffen und neue Musik hören. Und sie schafften es, die Kulturkontrolleure der SED gewogen zu stimmen. Stanišic hat auch diese Geschichte aus Fürstenwerder aufgeschrieben, in „Vor dem Fest“ kommt sie allerdings nicht vor.

Dafür geht sie nun weiter. Am 29. August gibt es zumindest einen Sommerabend lang wieder einen Beat-Club, diesmal in der großen Scheune der Gräfin und des Grafen von Schwerin. Wieder ein Grund, mal in die Uckermark zu fahren.