Fürstenwerder - Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei nichts los in der Nordwestuckermark. Wer über Land wandert, hört unterwegs nicht viel mehr als den Wind, der über die Felder, Wälder und Seen streicht. Doch der Eindruck täuscht. Was seine Bedeutung für die Literatur anbelangt, ist dieser entlegene Teil Brandenburgs nicht zu unterschätzen. Das wird sich am ersten August-Wochenende erneut zeigen. Dann werden Fürstenwerder, ein Dorf mit knapp 700 Einwohnern kurz vor Mecklenburg, und das benachbarte Bülowssiege wieder Schauplatz eines ungewöhnlichen Festivals. Der „Wortgarten“ blüht wieder auf.  

Als gebürtige Westfälin gibt sich die künstlerische Leiterin des Literatur- und Musikfestivals zurückhaltend. „Doch es sind schon magische Orte“, sagt Jutta Büchter. Das kleine Fürstenwerder, das vor rund 200 Jahren seine Stadtrechte verloren hat, mag ziemlich verschlafen wirken. Aber es gibt dort tatsächlich ein Antiquariat mit Buchladen. Auch Künstlerinnen und Künstler leben in den Ort, der sich am Ufer des Großen Sees in die wellige Landschaft duckt.

Kein „Berliner Ufo“

Und so werden der abwechslungsreiche kleine Bücherplanet, den Nils Graf in einem einstigen Textilgeschäft etabliert hat, und das Atelier von Wiebke Steinmetz zu den Orten gehören, an denen öffentlich vorgelesen wird. Den stärksten Eindruck dürfte allerdings wohl Bülowssiege bei den Besuchern hinterlassen.

Der Gutshof von 1830 sticht mit seinen Feldsteinmauern und den neogotischen Backsteinbögen hervor. Vor mehr als zwei Jahrzehnten sind Detlef Graf von Schwerin, einst Polizeipräsident von Potsdam, und seine Ehefrau Kerrin Gräfin von Schwerin, die sich als Historikerin und Autorin einen Namen gemacht hat, in das Vorwerk gezogen, das nach dem preußischen General Bülow benannt ist. Sie sind mit der Literaturkritikerin Verena Auffermann befreundet, die zu den Müttern des Wortgarten-Festivals gehört – so schließt sich ein erster Kreis.

Zu dem makellos sanierten denkmalgeschützten Ensemble gehört ein Schafstall, der zu DDR-Zeiten sein Dach verlor. „Auch dort wird wieder gelesen, wie beim ersten Wortgarten 2015“, sagt Jutta Büchter. Und natürlich im Garten auf der anderen Seite des Gutshauses, unter dem großen Baum – wo beim ersten Wortgarten eine lange Tafel stand, an der gespeist wurde, bis es am Abend zum Konzert in die Scheune ging.

Prosa, Lyrik und Musik janz weit draußen, 130 Kilometer von Berlin entfernt: Ist das nicht eine allzu romantische Vorstellung vor dem Hintergrund der Veränderungen, die auch Brandenburg betreffen – und die das Land der sich selbst genügenden Millionenstadt in ihrer Mitte immer weiter entfremden?

Hochleistungs-Landwirtschaft, Überalterung, Landflucht, Arbeitslosigkeit: So sehen auch in der Uckermark Lebenswelten aus. Dazu hat Büchter mehrere Dinge zu sagen. Zum einen: „Wir wollen kein Berliner Ufo sein. Auch kein Berliner Festival“ – kein Festival von Berlinern für Berliner. Zumindest nicht ausschließlich.

So wird die Autorin Karin Cieslicki, die in Fürstenwerder lebt und in ihrem Buch „Heute ist morgen schon gestern“ die Geschichte von drei Generationen erzählt, zu den Vorleserinnen gehören. Auch Kena Hüsers aus Angermünde liest, sie ist Trägerin des Ehm-Welk-Literaturpreises der Uckermark. Die Regisseurin und Autorin Lola Randl, die aus Berlin nach Gerswalde zog und dort einen großen Garten pflegt, findet sich ebenfalls im Programm, das bald im Internet zu finden ist.

Eine weitere Entgegnung von Jutta Büchter: Auch einige der Organisatoren sind inzwischen in der Nordwestuckermark verwurzelt. Die Familie von Alexander Gumz, der fürs Programm verantwortlich ist, lebt in der Nähe von Fürstenwerder.

„Beat Club“ im LPG-Hühnerstall

Jutta Büchter will die Unterschiede zwischen Stadt und Land nicht verwischen. Doch sie sagt: „Wir fühlten uns hier willkommen.“ Was auch an Menschen wie Nils Graf liegt, dem Buchhändler, der einst aus Aachen hierher zog und dessen Laden dank Kaffeemaschine und Wohnzimmeratmosphäre inzwischen ein anerkannter Dorftreffpunkt ist.

Oder an Henning Ihlenfeldt, dem Bäckermeister von Fürstenwerder, der einen sehr wachen Blick für Menschen hat, die den Ort bereichern könnten. Neuzugänge würden gebraucht, sagt er, denn immer noch zögen Menschen weg. Ihlenfeldt ist ein Macher, der nicht ganz nebenbei ein Herz für die Beatles hat. 1966 zog er in einem ehemaligen LPG-Hühnerstall halblegal einen „Beat Club“ auf, heute lässt er ihn jährlich im September in Bülowssiege aufleben.

Nicht zu vergessen Gisela Marscheider, die Chefin der Pension Alte Molkerei. Wie andere stammt sie nicht von hier: Sie hat in Halle Biologie studiert, und als ihr Mann bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Fürstenwerder anfing, zog sie dorthin. „Anfang August haben wir die Pension komplett ausgebucht“, sagt Jutta Büchter.

In der früheren Molkerei unweit vom 1945 stillgelegten Bahnhof der Reichsbahn – es gibt auch noch eine zweite alte Station – hat ein Autor gewohnt, der Fürstenwerder ein literarisches Denkmal gesetzt hat. „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić über einen fiktiven Ort, der dem Dorf verdächtig ähnelt, wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse geehrt. Als Schauspiel steht es im Thalia Theater Hamburg nun auf dem Spielplan.

Nichts los in der Nordwestuckermark? Von wegen.