Berlin - Am Anfang war der Ärger des Berliner Bürgers Ernst Theodor Amandus Litfaß über seine lotterige Stadt. Wir reden vom Jahr 1855.

Die Massenzuwanderung vom Lande ging mit starkem Informationshunger einher: Wer etwas mitzuteilen hatte – Läden, Tanzlokale, Weingärten, Theater – klebte Zettel an Wände, Bäume, Zäune. Auch amtliche Verordnungen und Bekanntmachungen, Heiratsankündigungen mussten ans Volk.

Zeitung, Infozentrale, öffentlicher Treffpunkt

Ernst Litfaß gelang es, die Berliner Behörden von seiner Ordnungsidee zu überzeugen und machte das Ankleben von Zetteln an einer Säule gegen einen kleinen Preis zum Geschäftsmodell: Am 1. Juli 1855 stellte er die erste „Annonciersäule“ auf, und zwar an der Münzstraße. Eine echte Kleine-Leute-Gegend.

Der Erfolg war enorm. Wo eine der bald nach Litfaß benannten Säulen stand, dorthin liefen die Leute. Viele konnten nicht lesen, ließen sich erzählen, was da Neues stand. Die Litfaßsäule war Zeitung, Infozentrale, öffentlicher Treffpunkt.

Litfaßsäule traf den Nerv der Zeit

Die Idee hatte Litfaß von Bildungsreisen aus London und Paris mitgebracht; in Berlin traf sie den Nerv der Zeit. Bald standen die Säulen überall in Deutschland, und sie blieben durch alle Wechsel der Zeiten präsent.

Sie teilten Mobilmachungen mit, überbrachten Kriegsdepeschen, riefen zu Revolutionen oder Wahlen auf. Heute, da junge Leute wenig Auto fahren, dafür unentwegt im öffentlichen Raum unterwegs sind, zeigt die Werbebranche neues Interesse an der Säule.

Litfaß feiern

Am 11. Februar 1816 wurde Ernst Litfaß in Berlin geboren, man könnte also seinen 203. Geburtstag feiern, vielleicht mit einem Besuch an seinem Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, das von den Erben des „Säulenheiligen“ bei der Wall AG über Jahrzehnte liebevoll gepflegt wurde. Oder an der kleinen Bronzesäule am ersten Standort Münzstraße/Ecke Almstadtstraße oder am Litfaß-Platz auf dem Hackeschen Markt.

Berliner Krakehler

Litfaß war aber auch vor seiner Zeit als Berühmtheit recht umtriebig – als Drucker, Verleger, Schauspieler, Erfinder. In der Zeit der Märzrevolution gab er Flugschriften und Zeitungen heraus wie den Berliner Krakehler, die Berliner Schnellpost (später in Berliner Curier umbenannt) und von 1851 an den Berliner Tagestelegraph mit Ausgeh- und gastronomischen Tipps sowie einträglichen Anzeigen.

Er führte Schnellpressen und den Buntdruck nach französisch-englischem Muster ein und druckte als erster Riesenplakate, die Litfaßzettel. Er gründete das Theater „Lätitia“ am Rosenthaler Tor, das später in das „Vorstädtische Theater“ umbenannt wurde.

Auf Zerstörung versessener Senat

Bis heute stehen etwa 50.000 Litfaßsäulen in ganz Deutschland, etwa 3000 von ganz unterschiedlicher Gestalt in Berlin, dort, wo sie erfunden worden und zum Kulturgut gehören – bisher, denn der geschichtsvergessene, barbarische, auf Stadtzerstörung versessene Teil des Berliner Senats und plant die Tilgung von 2500 der ihrem historischen Vorbild folgenden Säulen aus dem Stadtbild.

Kein Gedanke an  witzige, kreative, zeitgemäße Nutzung des Säuleninneren, wie es sie einst gab: Früher gab es da eine Telefonvermittlung oder Transformatorenstation. Litfaß’ Idee, wie in Paris innen Pissoirs einzurichten, scheiterte seinerzeit an den verworrenen Berliner Verwaltungszuständigkeiten. Nürnberg hat es versucht mit einem in eine Säule integrierten Klo. Als Maßnahme gegen wildes Pinkeln. Der Ordnung halber.