Berlin - Normalerweise müssen sich Planer, Politiker und Verwaltungsleute in Berlin viel Kritik von der Radlobby anhören. Doch diesmal dürfen sich zumindest einige von ihnen geehrt fühlen. Am Dienstag hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Berlin geehrt – mit einem Sonderpreis für die Großstadt, die seit dem Beginn der Pandemie am meisten für den Radverkehr getan hat. Anlass war die Vorstellung des neunten Fahrradklima-Tests. Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) freute sich, dass sich Berlin im Ranking der größten Städte von Platz 12 auf Platz 9 verbessert hat.  Am Ende kam jedoch nur die Schulnote 4,14 heraus. 2018 hatte es für Berlin eine 4,27 gegeben.

Der erste Lockdown hatte im März 2020 gerade begonnen, da wurden Christian Haegele und Felix Weisbrich als Erste aktiv. Der Leiter der Obersten Straßenverkehrsbehörde sowie der Chef des Straßen- und Grünflächenamts Friedrichshain-Kreuzberg setzten in kürzester Zeit eine Idee um, die sie schon länger gehegt hatten. Mit Baken und gelbem Klebeband wurde damit begonnen, die ersten sogenannten Pop-up-Radwege zu markieren. Nach und nach wurden immer mehr Abschnitte mit temporären Radfahrstreifen ausgestattet, auch in Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte – sehr zur Freude der Radfahrer.

„Berlin ist dabei, die Mobilitätswende zu verschlafen“

Das schlug sich im aktuellen Fahrradklima-Test wieder. Unter den bundesweit mehr als 230.000 Menschen, die im vergangenen Herbst an der Umfrage teilnahmen, befanden sich 5628 Berliner – ein Teilnahmerekord. Viele von ihnen lobten, dass es Verbesserungen gegeben habe. Das führte dazu, dass es bei diesem Thema in Berlin diesmal die Note 3,4 gab. 2019 war es nur eine 4,2. Das effiziente, schnelle Pop-up-Verfahren sei ein Hoffnungsschimmer, sagte Frank Masurat, der im ADFC-Vorstand für Politik zuständig ist. Doch die Ehrung sei kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen.

Rund 25 Kilometer Pop-up-Radwege seien noch keine Einladung, berlinweit klimafreundlich aufs Rad umzusteigen. Die Verwaltung müsse in allen Bezirken schnell handeln. „Berlin ist dabei, die Mobilitätswende zu verschlafen“, warnte Masurat. „Der politische Wille, sie einzuleiten, ist da. Nun muss sie endlich auf den Straßen bei den Menschen ankommen. Aus Trippelschritten muss mutiges Voranschreiten werden.“ Das vor drei Jahren verabschiedete Mobilitätsgesetz müsse endlich Wirklichkeit werden.

Unfallstellen sollen gesperrt bleiben, bis Sicherheit gewährleistet ist

Die Ergebnisse der weltweit größten Radfahrerumfrage zeigen, dass es noch sehr viel zu tun gibt. So gab mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer an, dass sie Radfahren in Berlin noch immer als Stress empfinden. Bei diesem Thema bekam Berlin die Note 3,9. Rund 60 Prozent der Befragten fühlen sich in Berlin weiterhin als Verkehrsteilnehmende nicht akzeptiert – was sich in der Note 4,2 niederschlug. Mehr als 80 Prozent teilten mit, dass sie sich im Berliner Verkehr nach wie vor nicht sicher fühlen. Hier fiel die Note mit 4,7 noch schlechter aus. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 19 Radfahrer bei Unfällen getötet – so viele wie seit 2016 nicht mehr.

Die Schilderungen aus dem Berliner Fahrradalltag klingen wie ein gigantisches Arbeitspensum für Planer und Bauleute. Nicht weniger als 95 Prozent der Befragten äußerten die Meinung, dass vorhandene Wege für Radfahrer zu schmal seien. 86 Prozent der Umfrageteilnehmer sagen, dass Radwege in Berlin für junge und ältere Menschen nicht sicher angelegt seien. 90 Prozent gaben zu Protokoll, dass parkende Autos auf Radwegen in Berlin großzügig geduldet würden.

„Die Unzufriedenheit der Radfahrenden ist groß“, bilanzierte Masurat. „Ob es nun an bizarren Verwaltungsstrukturen oder an kaputtgesparter Infrastruktur liegt, an permanentem Personalmangel, an parteipolitischem Gezänk oder an der Angst der Regierungskoalition vor dem Geschrei einiger weniger Parkplatz-Verteidiger, immer wieder wird das Mobilitätsgesetz gebrochen.“ Der ADFC forderte eine Task Force für Verkehrssicherheit und höhere Parkgebühren in Berlin. Wenn Infrastruktur zum Unfalltod eines Radfahrers entscheidend beigetragen hat, dürfe die Stelle so lange nicht wieder für den Verkehr freigegeben werden, bis sie sicher geworden ist.

„Der Sonderpreis des ADFC für die Berliner Pop-Up-Radwege ist uns Ansporn, weiter mit innovativen Maßnahmen die Sicherheit des Radverkehrs zu erhöhen“, sagte Verkehrssenatorin Günther. „Die Menschen erkennen inzwischen direkt auf der Straße, was sich in Berlin alles verändert, ob neue geschützte Radwege, Fahrradstraßen, verkehrsberuhigte Zonen oder auch der Lastenrad-Verleih.“ Allerdings sagt auch die Grünen-Politikern, dass noch viel zu tun sei, um Berlin zu einer fahrradfreundlichen Metropole auszubauen. „Die geplante Fahrrad-Hauptstadt Berlin ist ein langfristiges Projekt“, so Günther. „Wir stehen mit unseren konkreten Plänen etwa für 100 Kilometer Radschnellverbindungen, für ein rund 3000 Kilometer langes Radverkehrsnetz, für Fahrradparkhäuser vor einem Jahrzehnt der Umsetzung, die die Stadt verändern wird.“