Berlin - Der laufende Corona-Lockdown sollte zunächst am 1. März enden, nun wird er bis zum 7. März verlängert. Wenigstens Friseure sollen bereits am 1. März wieder öffnen. „Jede Woche, die die Friseursalons geschlossen haben, ist dennoch eine Woche zu viel“, sagt Jan Kopatz, Obermeister der Friseur-Innung in Berlin. „Die Lage ist katastrophal für die Friseure in Berlin“, so Kopatz. „Sie haben keine Einnahmen, erhalten keine Hilfen und leben von ihrem Erspartem.“ Auch mit einer Wiedereröffnung der Läden am 1. März würden die Umsätze nicht florieren. Momentan stehe zudem die Regelung im Raum, dass sich ein Kunde pro zehn Quadratmeter im Raum aufhalten dürfe. „Die Regelung ist katastrophal. Der Umsatzverlust ist da programmiert“, so Kopatz.

Finanziell seien viele Berliner Friseure bereits am Limit. Das Ersparte sei bei vielen ausgereizt. „Irgendwann ist das Geld alle und dann geht es um das blanke Überleben.“ Auch Andrea Jacobeit, Inhaberin des Friseursalons La Dolce Vita in Friedenau, leidet unter der Situation. Dass sie ihren Laden weiterführen könne, habe sie unter anderem ihrem Mann zu verdanken, der sie finanziell unterstützen könne. Die Öffnung am 1. März sei jedoch ein Lichtblick, erzählt sie am Mittwoch. „Ich wäre glücklich, wenn wir tatsächlich Anfang März öffnen könnten. Wir lieben unsere Arbeit und vermissen unsere Kunden“, so die Friseurmeisterin. Die Einhaltung der neuen Hygienemaßnahmen sei eine Herausforderung. „An oberster Stelle steht aber, dass sich jeder sicher fühlen soll“, so Jacobeit. 

Existenzängste würden dominieren

Viele ihrer Kunden seien bereits ungeduldig. Auch ihr Team „scharre mit den Hufen.“ Sie versuche, Optimismus unter den Mitarbeitern zu verbreiten. „Fast jede Branche ist betroffen vom Lockdown. Wir müssen mutig sein, weitermachen und hoffen, dass wir öffnen dürfen“, so Jacobeit. 

„Die Nerven liegen blank, die Existenzängste dominieren“, sagt Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, zur Lage des Einzelhandels in Berlin. „Wir haben Vorschläge zu Öffnungsszenarien und Hygienekonzepten gemacht, um schrittweise den Handel wieder zu eröffnen. Das trifft offensichtlich nicht auf Gegenliebe.“ Natürlich stehe die Pandemie-Bekämpfung an erster Stelle. „Aber es muss klar sein, dass es wenigstens Existenzhilfen zum Überleben für die Händler gibt. Der Politik scheint der Erhalt von Zigtausenden von Arbeitsplätzen nicht wichtig genug zu sein“, so Busch-Petersen. „Das sind Botschaften für einen Wirtschaftszweig, die einfach nicht mehr vermittelbar sind. Es schnürt mir den Hals zu.“

Auch Marco Gohla, Inhaber des Modegeschäfts Look54 am Kurfürstendamm, kämpft um seine Existenz. „Die Verlängerung des Lockdowns ist für uns Geschäftsinhaber eine Katastrophe“, sagt er. Dennoch betont er: „Ich habe aber auch absolutes Verständnis für alle Maßnahmen, die getroffen werden. Es geht darum, Leben zu retten, und ich stehe dahinter. Aus der Sicht eines Geschäftsinhabers muss ich dennoch sagen: Die Situation ist haarsträubend.“

Seit zwei Monaten mache er keinen Umsatz. Er musste bereits auf seine Rücklagen und Alterssicherung zugreifen. Diese sind nun erschöpft. Er habe daher einen Kredit beantragen müssen und warte auf die Bewilligung. Gohla bemängelt die Entscheidungen der Politiker:„Ich habe Verständnis für die Maßnahmen, aber kein Verständnis dafür, dass Tausende Geschäfte in Insolvenz getrieben werden“, so Gohla. „Uns wird die Existenzgrundlage entzogen. Wir brauchen mehr Hilfen und Unterstützung von der Politik.“ Auch wenn die Geschäfte im März öffnen sollten, werde der große Ansturm  zunächst ausbleiben, vermutet Gohla. „Das braucht einige Wochen Anlauf, bis die Menschen auch wieder einkaufen gehen werden.“ 

Verständnis für die Maßnahmen

Nicht nur Geschäfte und Friseure, auch Hotels werden weiterhin geschlossen bleiben, vom Reisen wird weiter abgeraten. „Das ist eine einzige Katastrophe“, sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Berlin. „Viele Betriebe stehen mit dem Rücken an der Wand. Die Situation kann man nicht schön reden. Unsere Branche trifft es hart.“ Auch wenn Lockerungen im März eintreten sollten, erwartet Lengfelder keinen Boom in der Hotelbranche. „Es wird ein langer Prozess sein, bis sich überhaupt der Tourismus wieder entwickelt. Auch im Sommer erwarten wir keinen großen Aufschwung“, so Lengfelder. Er plädiert daher dafür, dass die Betriebe weitere Hilfen erhalten. „Dazu muss gesagt werden: Ein Drittel der Betriebe hat noch nicht einmal die Novemberhilfen ausgezahlt bekommen. Das ist eine Katastrophe“, so der Dehoga-Hauptgeschäftsführer.  

„Ich weiß nicht, ob mein Betrieb die Verlängerung überstehen wird“, sagt eine Pensionsinhaberin aus Prenzlauer Berg, die nicht mit Namen genannt werden möchte. „Wir und alle anderen Hotels in Berlin haben im gesamten vergangenen Jahr Verluste geschrieben“, sagt sie. Sie konnte den Vermieter des Gebäudes dazu bringen, die Miete zu stunden. „Wir schieben momentan nur Schulden vor uns her. Und wir wissen nicht, ob wir sie noch begleichen können“, so die Inhaberin. Sie selbst sei bereits in Rente und habe eine Vorerkrankung. Sie befürworte daher die Corona-Maßnahmen, da sie selbst gefährdet sei. „Ich habe momentan nicht nur Angst um mich, sondern auch um den Betrieb“, sagt sie. Auch wenn sie ihre Pension wieder öffnen könne – den großen Ansturm erwarte auch sie nicht. „Wir haben viele ältere Gäste, die Angst haben und vorsichtig sind. Die werden nicht gleich eine Reise buchen.“

Auch für Ralf Daniel ist die Situation eine große Herausforderung. Er ist Inhaber des Reisebüros Palatia Travel in Kreuzberg. „Für uns ist die Situation sowieso schon sehr prekär. Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge“, so Daniel. Er befürworte dennoch die Verlängerung des Lockdowns. „Die Gesundheit geht vor. Die Maßnahmen sind wichtig. Denn wenn am Ende alle krank sind, bringt es doch auch nichts. Dann kann auch keiner mehr reisen“, so Daniel. Auch er lebe am finanziellen Limit. „Wir haben so gut wie keinen Umsatz, die Unterstützungen lassen auf sich warten.“ Die Menschen seien verängstigt und würden daher keine Reisen buchen. „Unser Geschäft hängt nicht nur von der Situation in Deutschland ab. Die Pandemie ist ein globales Problem. Viele Länder verlangen eine Quarantäne oder Tests. Viele haben Angst und wollen nicht verreisen.“

Dass die Reisebranche leidet, bemerkt auch Stephanie Arnan, Geschäftsführerin der Fast-Food-Kette „Auf die Hand“. Eine Filiale befindet sich am BER-Flughafen. „Da ist es so ruhig, dass man sich schon erschreckt, einen Rollkoffer zu hören“, so Arnan. Die Geschäfte laufen auch in den weiteren Filialen nicht so, wie sie es sich wünschte. Ein verlängerter Lockdown würde weitere Umsatzeinbußen bedeuten. Sie hofft, dass das Wetter bald wieder besser werde und Gäste zumindest wieder draußen sitzen können. Momentan sei es für viele auch zu kalt für Take-away. Viele Menschen bleiben im Homeoffice, die Geschäfte haben zu - „in unseren Stadtfilialen kommen sehr viel weniger Menschen vorbei“, so Arnan. Dennoch sei sie Optimistin: „Wir haben noch ein paar Monate Reserve“, sagt sie. „Aber dann wird es auch für uns kritisch.“

Problematisch sieht es auch im Kulturbereich aus. Für Moritz van Dülmen, Geschäftsführer der Landesgesellschaft Kulturprojekte Berlin, ist die Lockdown-Verlängerung allerdings keine überraschende Nachricht. Dennoch treffe sie die Kulturszene hart. „Für Clubs, Festivals, Künstler ist die aktuelle Situation bitter. Da geht es um Existenzen“, so van Dülmen. Gerade in Clubs gehe es um Nähe, Austausch, Tanzen, das Miteinander. „Bis wir das wieder locker angehen können, wird es noch dauern“, so der Berliner. Er appelliert an die Politik, dass mit dem Einzelhandel auch Museen und Galerien öffnen sollten. „Das macht die Attraktivität der Stadt aus, gerade wenn wieder mehr Touristen in die Stadt kommen wollen“, so van Dülmen. Die Lange Nacht der Museen müsse wahrscheinlich in diesem Jahr ausfallen. „Davon geht die Welt nicht unter“, so van Dülmen. „Dennoch fehlt das kulturelle Leben vielen Berlinern. Wir hoffen, dass wir schnell wieder etwas mehr Kultur in die Stadt bringen können.“