Berlin - Leidenschaft, Augenmaß und Verstand: Nils Busch-Petersen bemüht die von dem Soziologen Max Weber (1864-1920) formulierten Grundtugenden eines Berufspolitikers, um die Frage zu beantworten, was am 3. März auf der Ministerpräsidentenkonferenz passieren muss. Eine sich von MPK zu MPK hangelnde Debatte über Lockdowns und Öffnungsschritte gab es zu Lebzeiten Webers nicht. Doch auch Weber erlebte eine Pandemie mit: die Spanische Grippe. Er soll sogar an den Folgen einer Lungenentzündung, die durch die Grippe ausgelöst wurde, gestorben sein.

„Dass wir die jetzige Pandemie weiterhin gemeinsam bekämpfen müssen, ist ganz klar“, sagt Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Berlin-Brandenburg im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Wir dürfen aber nicht weiterhin Mittel einsetzen, die schwerere Kollateralschäden hinterlassen als die Krankheit selbst.“ Man müsse weg von einer angstgesteuerten Denkhaltung. Lieber alles zumachen oder geschlossen lassen, bevor man nachdenkt, was man klüger gestalten könnte, könne der Weg nicht sein. Busch-Petersen fordert nun Öffnungen. „Handel und Gastronomie müssen zügig geöffnet werden – in der Hoffnung, dass ein paar Unternehmen die Corona-Krise noch überleben.“ Bereits zu diesem Zeitpunkt sei in seiner Branche klar, dass viele es nicht schaffen werden.

Die Schuld für die jetzige Situation liege bei der Politik

Für Busch-Petersen gibt es keinen sachlichen Grund, weiterhin an den Schließungen der Einzelhandelsgeschäfte und der Gastronomie festzuhalten. Seiner Meinung nach habe dieser Anlass zur erneuten Schließung Mitte Dezember sogar nie bestanden. Busch-Petersen zitiert hierfür eine Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vom 2. September 2020, als dieser sagte: „Mit dem Wissen von heute hätten wir die Läden im ersten Lockdown nicht zugemacht.“

Busch-Petersen sieht die alleinige Schuld an der jetzigen Situation bei der Politik. „Ich sehe nicht ein, dass die Menschen in allen Wirtschaftszweigen mit ihrer Existenz für das bezahlen, was die Politik nicht schafft, in der Öffentlichkeit umzusetzen.“ Der Handel sei für gewisse Dinge außerhalb der Läden nicht zuständig. Er spricht es zwar nicht aus, aber der Weg zu den Läden scheint demnach das Problem der Politik zu sein.

Niedriges Infektionsgeschehen im Einzelhandel

Deutlicher wird er, wenn es um konkrete Zahlen geht – die der täglichen Kundenkontakte. Busch-Petersen rechnet vor. „2,25 Millionen Kundenkontakte haben wir normalerweise im täglichen Betrieb in Berlin. Davon entfallen vier Fünftel auf den gerade ohnehin geöffneten Handel mit Waren des täglichen Bedarfs. Auf den Non-Food-Handel entfallen täglich 451.000 Kontakte.“ Busch-Petersens Stimme wird lauter. „Es geschieht jetzt nicht der riesige Run auf die Geschäfte, es kommt lediglich das letzte Fünftel wieder hinzu.“

Im letzten Jahr sei durch die Berufsgenossenschaft für den Einzelhandel wissenschaftlich bewiesen worden, dass der Einzelhandel bei Millionen Kundenkontakten die gesamte Pandemie über ein 25 Prozent niedrigeres Infektionsgeschehen hatte als der Bevölkerungsdurchschnitt in Gänze. „Diese Dinge zeigen, dass der Handel ein sicherer Hafen ist, den man anlaufen kann und nicht länger sperren darf“, so Busch-Petersen.

Dem Senat liegen diese Hinweise vor. Beim Handelsverband hofft man darauf, dass diese nun endlich ernstgenommen werden. Das ins Gespräch gebrachte Konzept Click & Meet hält Busch-Petersen indes nur bedingt für zielführend. Für die einzelne kleine Boutique könne es eine gute Lösung sein, wenn gar nichts anderes möglich sei. Als Bestandteil einer Öffnungsstrategie findet er es aber schlichtweg „albern“. „Was soll denn das KaDeWe mit Click & Meet?“, fragt Busch-Petersen. „Wir können doch nicht 40.000 bis 60.000 Kunden des KaDeWe eine Viertelstunde am Wittenbergplatz auf ihr Testergebnis warten lassen.“

Hygienekonzepte und Ausweitung der Teststrategie

Die Hygienekonzepte aus dem vergangenen Jahr hätten sich allesamt bewährt und sollten unter einer Ausweitung der Teststrategie wieder Anwendung finden. Busch-Petersen scheut sich nicht vor einem möglicherweise unpopulären Beispiel. „Wenn ein hochansteckender Covid-19-Patient einen Anzug in einem Laden kaufen möchte, sich aber an alle vom Handel auferlegten Regeln wie das Tragen einer FFP2-Maske, das Abstandsgebot bei nur einer Person pro zehn Quadratmeter und die Händedesinfektion hält, wird er niemanden gefährden.“ Augenmaß sei nun gefragt, kein Populismus.

Nils Busch-Petersen

Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg.

Dabei kann Busch-Petersen auch kritische Stimmen, die nur ganz vorsichtig lockern und öffnen wollen, nachvollziehen. Er spricht selbst davon, die Wirtschaft schrittweise hochzufahren und nicht gleich in allen Lebensbereichen zu öffnen. „Ich verstehe jeden, der Angst vor dieser heimtückischen und gefährlichen Krankheit hat.“ Was er aber nicht tue, sei, den Sachverstand auszuschalten. „Wir müssen der Pandemie etwas entgegensetzen, aber wir müssen auch lernen, mit ihr zu leben.“

Der Handelsverband habe der Politik Hygienekonzepte vorgelegt. „Die Politik kann nicht sagen, dass sie momentan irgendetwas über uns nicht weiß“, sagt Busch-Petersen. „Wenn die Politiker nach der Ministerpräsidentenkonferenz weiter wissentlich das Falsche tun, werden wir erneut in den Dialog treten.“ Sollte nichts davon zielführend sein, müsse man das mit der Politik so auswerten, wie es sich gehöre – nämlich spätestens am Wahltag. Was Busch-Petersen seinen Händlern nach der MPK aber viel lieber sagen würde, ist: „Es geht wieder los!“