Diese Kolumne lebt von gewissen Voraussetzungen. Es muss etwas passieren und beobachtet werden. Ganz egal, ob nun ein außergewöhnliches Ereignis oder ein eher alltägliches, das seinerseits aber etwas über das große Ganze aussagt. Das sind relativ niederschwellige Bedingungen, denn es passiert ja meistens mehr in dieser Stadt als sich hier niederschreiben lässt. Im sich allmählich ziehenden Lockdown haben sich die inspirierenden Begebenheiten dann doch auf ein Minimum reduziert. Deshalb muss ein Spaziergang durchs Viertel für neues Futter sorgen.

Der führt vorbei an einer Oberschule, deren Rückseite teils von einem Bauzaun umgeben ist, hinter dem ein Bauschild über die Sanierung des Schulgebäudes informiert. Dass die Sanierung im Dezember abgeschlossen sein sollte, soll hier keine Rolle spielen, denn ein Monat Bauzeitverzug ist für Berliner Verhältnisse keine Verspätung. Die soeben wiedereröffnete Staatsbibliothek kann das bezeugen.

Interessanter ist die Beschreibung der Baumaßnahme auf dem Schild: „Sanierung Bestandsgebäudes“ steht darauf. Mangels Artikel ist das „s“ am „Bestandsgebäude“ überflüssig, was beim zuständigen Bezirksamt wohl niemand bemerkt hat, bevor das Schild in Auftrag gegeben wurde. Welche Erwartungen darf man an die Leistungen der Schülerschaft stellen, wenn vor dem Gebäude, in dem ihre Bildung vermittelt wird, so ein Schild steht?

Mit solchen Lockdown-Gedanken geht es ein paar Ecken weiter vorbei an einem Spielplatz, der heillos überfüllt ist. Es ist eher ein Spiel-ohne-Platz, dermaßen frequentiert, dass die Schließung von Schulen und Kitas auf der Skala der sinnvollen Maßnahmen eher so im Promillebereich verortet werden muss. Auf der Skala der Bequemlichkeit rangieren Eltern, die ihren Nachwuchs hier herbringen, hingegen ganz weit oben, denn: Der nächste Spielplatz, nur drei Fußminuten entfernt, ist fast menschenleer.

Plötzlich taucht eine Menschenschlange auf, die sich von der Straßenecke bestimmt fünfzig Meter zu einem Laden zieht. Gibt es hier was umsonst? Schon verrückt, dass Menschen in Mangelwirtschaften verzweifelt Schlange stehen müssen, während sich Menschen in Konsumgesellschaften trotz Auswahlmöglichkeiten bereitwillig einreihen. Angeboten werden übrigens Backwaren und Kaffee – ganz und gar nicht umsonst.