Berlin - Der Corona-Lockdown ist bis zum 18. April verlängert worden. In den Regionen mit einer Inzidenz über 100 sollen zudem Ausgangsbeschränkungen eingeführt werden. Doch muss der Lockdown wirklich sein? Zunehmend werden Stimmen laut, die sagen, dass Öffnungen trotz steigender Inzidenzwerte möglich sein könnten. Das Geheimrezept dafür: testen und lockern. 

Am Sonnabend wurde das beispielsweise in der Berliner Philharmonie umgesetzt. Die Philharmoniker spielten erstmals seit Monaten wieder vor einem großen Publikum mit rund 1000 Zuschauern – mitten in der dritten Welle. Die Voraussetzung für den Besuch: ein aktueller negativer Corona-Test, den man beim Einlass vorzeigen musste. In der Philharmonie wurde dafür extra ein Testzentrum eingerichtet. Rund die Hälfte der Besucher konnte sich dort testen lassen. Die andere Hälfte hatte einen Termin in einem der Testzentren in der Stadt erhalten.

Tübingen als Vorbild für Berlin?

Das Konzert ist Teil eines Pilotprojekts der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Das Ziel ist es, herauszufinden, ob auch in Zukunft mehr geöffnet werden kann – trotz steigender Infektionszahlen. „Das Konzert am Sonnabend ist wirklich sehr gut gelaufen, sowohl was die Test-Abläufe betrifft als auch das Konzert selbst“, sagt Elisabeth Hilsdorf, Sprecherin der Berliner Philharmoniker, der Berliner Zeitung. „Das Publikum und die Musiker haben sich sehr wohlgefühlt und waren froh, dass ein Konzert endlich wieder möglich war.“ Nun müssten Testabläufe in Ruhe ausgewertet werden. „Sollte es Teststationen vor Ort geben? Ist es zeitlich und logistisch machbar? Wie gehen wir mit Menschen um, die kein Smartphone besitzen – all das sind Fragen, denen wir nachgehen müssen“, sagt Hilsdorf.

„Wir müssen jetzt erst einmal die Auswertungen abwarten“, so Hilsdorf. „Ich kann bisher nur sagen, dass das Testen hier vor Ort ziemlich schnell ablief. Auch die Rückmeldungen, die wir bisher von den Besuchern erhalten haben, waren sehr positiv. Und wir hatten übrigens keinen einzigen positiven Corona-Test.“ Was in Berlin noch ein Pilotprojekt ist, ist in Tübingen seit vergangenem Dienstag bereits Realität. Unter dem Namen „Öffnen mit Sicherheit“ findet dort bis zum 4. April ein Modellprojekt statt, das zum Vorbild vieler Städte in Deutschland werden könnte – auch für Berlin. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und die Notärztin Lisa Federle riefen das Modell ins Leben. Die Idee: Durch den intensiven Einsatz von kostenlosen Schnelltests sollen Öffnungen im Gastro-, Kultur- und Kunstbereich ermöglicht werden.

Seit vergangenem Dienstag können sich die Tübinger in verschiedenen Schnellteststationen kostenlos testen lassen. Bei einem negativen Corona-Test erhalten sie ein Tagesticket und können damit am selben Tag die Außengastronomie, Theater, Konzerte, Bibliotheken oder Galerien besuchen. Auch ein negativer Test beim Arzt oder in der Apotheke kann in einen Tagespass umgewandelt werden. Abstandsregeln müssen weiter eingehalten werden, Pflicht bleibt auch das Tragen einer Maske. 

Ärztin sieht Tübinger Modell mit gemischten Gefühlen

Wie sieht die erste Bilanz nach einer Woche in Tübingen aus? Das Angebot mit den Tagespässen werde von der Tübinger Bevölkerung gut aufgenommen, sagt eine Sprecherin der Stadt Tübingen der Berliner Zeitung. Vor dem Start des Modellversuchs wurden an den drei Teststationen in der Tübinger Innenstadt knapp 1000 Tests pro Tag durchgeführt. Seit dem 16. März sei die Zahl auf rund 3000 Tests pro Tag angestiegen. Es gebe daher auch relativ lange Wartezeiten. Gerade am Wochenende habe es Schlangen vor den Teststationen gegeben. Um die Teststationen zu entlasten, können auch größere Tübinger Betriebe Betriebstestungen durchführen und Tagestickets aushändigen. Auch Schulen und das Universitätsklinikum könnten Tickets ausstellen. Wichtig sei, dass eine weitere Person bestätigt, dass der Schnelltest negativ war. 

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Einige Menschen stehen in einer Schlange um sich für einen Schnelltest in der Tübinger Innenstadt anzumelden.

Das Tübinger Modell sieht die Leiterin des Spandauer Gesundheitsamtes, Gudrun Widders, mit gemischten Gefühlen. Der Inzidenzwert im Bezirk steuere derzeit auf die 120er-Marke zu, erklärt sie. „Daher ist es nicht gerade der richtige Zeitpunkt, solche Experimente zu machen“, sagt Widders im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Auf der anderen Seite spreche aber auch nichts dagegen, mithilfe der Schnelltests Freiluftgastronomie oder den Besuch von Theatern und Kinos auch in Berlin möglich zu machen. „Es ist richtig, zu überlegen, wie ein normales Leben wieder möglich werden kann“, sagt die Medizinerin. „Das Verfahren sollte sehr vorsichtig angegangen werden, wenn die Inzidenzwerte nicht ansteigen.“

Lockern erst bei einem Inzidenzwert unter 100

Ein Lockern wie in Tübingen sehe die Spandauer Amtsärztin erst bei einem Inzidenzwert weit unter 100. Vorausgesetzt, alle Beteiligten halten die geltenden Hygiene- und Anstandsregeln ein. Etwa, dass gastronomische und kulturelle Einrichtungen ganz genau vor Ort Besucherlisten führen. „Im Falle einer dann doch auftretenden Infektion kann man schneller die Kontaktpersonen nachvollziehen“, so Widders. „Denn das Freitesten ist noch lange kein Freibrief.“ Die Schnelltests geben nur eine Momentaufnahme wieder. „Er gibt nur an, dass der Getestete in den nächsten Stunden nicht ansteckend ist.“ Wichtig sei daher auch, dass dieser Test richtig durchgeführt wurde und kein „falsches negatives Ergebnis“ vorweist, so Widders.

Beim Schnelltesten ist auch Wien weiter als Berlin. Österreichs Hauptstadt hat zehn sogenannte Teststraßen. Anders als bei uns, wo ein kostenloser Schnelltest nur einmal pro Woche möglich ist, können sich die Wiener seit November täglich einmal gratis schnelltesten lassen. Pro Woche machen davon über 300.000 der knapp zwei Millionen Einwohner Gebrauch, die Kosten von etwa einer Million Euro pro Woche übernimmt der Staat. Schließlich muss man in Wien schon beim Friseurbesuch einen negativen Testnachweis vorlegen. „Das Testen geht relativ schnell“, sagt Mario Dujakovic, Sprecher des Wiener Gesundheitsstadtrates Peter Hacker (SPÖ). „Unterwegs kann man sich per Smartphone einen Termin auf einer Teststraße seiner Wahl buchen, erhält diesen relativ schnell und kann sofort mit dem aktuellen Ergebnis, dass man per Mail erhält, zum Friseur.“

Wien ist mit Teststrategie den Berlinern weit voraus

Obwohl Wien mit seiner Teststrategie offenbar den Berliner sehr weit voraus ist, wolle man dennoch derzeit nicht Lockerungen wie in Tübingen möglich machen. Der Grund, warum das Testen dort angekurbelt wird, ist ein anderer. „Wir können ja nicht verhindern, dass die Wiener, vor allem junge Menschen, sich in der Stadt treffen“, sagt Dujakovic. „Wenn sie es machen, sollen sie wenigstens getestet sein.“

So wird die Teststrategie weiter ausgebaut – und das auch mit den genaueren PCR-Test. Dieser wird im Gegensatz zu Deutschland nicht mit einem Stäbchenabstrich, den nur medizinisch geschultes Personal durchführen darf, durchgeführt. In Österreich gibt es die sogenannten PCR-Spucktests, die jedermann durchführen kann. Hier gurgelt die Testperson eine Kochsalzlösung, spuckt diese in ein Röhrchen, das danach im Labor auf den Coronavirus untersucht wird. „Alles gurgelt“ heißt daher die neue Aktion, die in Wien geplant ist. Unternehmer sollen es ihren Mitarbeitern und deren Familienangehörigen ermöglichen, sich solche PCR-Tests in den Drogerien gratis zu besorgen. Denn auch die Stadt Wien plant aufgrund der Tests weitere Lockerungen.

Anders als in Tübingen, wo Lokale ihre Außenbereiche für Schnellgetestete aufmachen, sollen im Wiener Stadtgebiet Zonen errichtet werden, wo sich künftig Menschen mit einem negativen PCR-Testergebnis treffen und dort auch wieder einen Kaffee im Freien trinken oder einen Kaiserschmarrn essen können. In diesen Bereichen sollen Gastronomen Stände aufbauen dürfen, um Getränke und Speisen anzubieten.

Clubszene Berlins wünscht sich mehr Testungen

Aufgrund der starken Verbreitung der britischen Corona-Mutante in Wien wolle man weiter auf Veranstaltungen im Innern von Gebäuden verzichten. Trotz guter Teststrategie werden Schnelltests auch die Theater und Kinos in der Donau-Stadt nicht so schnell öffnen wie in Tübingen.

Die Clubszene Berlins würde sich jedenfalls wünschen, dass das Modell „Testen und öffnen“ in Clubs und Kulturstätten Berlins Einzug finde, meint Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission Berlin. Vor knapp einer Woche stellte die Clubcommission einen Sechs-Punkte-Plan vor, um den Menschen und vor allem der Kultur- und Clubbranche eine Perspektive zu geben. Eine zentrale Forderung der Clubcommission: Tickets und Schnelltestergebnisse sollen verknüpft werden, entweder mithilfe von QR-Codes oder App-Lösungen. Das Prinzip soll ähnlich wie das Tübinger Modell funktionieren. Ein tagesaktuelles negatives Testergebnis solle den Eintritt zu einem Konzert gewährleisten. Ein Pilotkonzert ist bereits in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat und dem Holzmarkt für den 27. März um 20 Uhr im Säälchen geplant. Leichsenring hofft, dass mit den Testungen mehr Konzerte und Veranstaltungen in Zukunft möglich sein könnten – trotz steigender Inzidenzwerte.