Dass ein Preuße die Sachsen lobt, kommt eher selten vor. Doch Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner steht dazu: Er hält ein Logistikkonzept, das sich in Dresden bewährt hat, für vorbildlich. In der Hauptstadt des Freistaats wurden Güter mit der Straßenbahn befördert. Das könnte es auch in Berlin geben, sagte der Grünen-Politiker: „Was Dresden kann, kann Berlin schon lange – eine Güterstraßenbahn als Teil moderner Logistik.“ Sein Plan: Schuhe, Kleidung, Bücher und andere Internetbestellungen fahren per Tram in die Innenstadt.

Die Planungen haben begonnen. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz will den Gütertransport neu organisieren und arbeitet an einem Konzept dafür, so Kirchner. Während ihrer Ideensuche kamen die Experten auf die Dresdener CarGoTram. So hieß die Güterstraßenbahn, die 15 Jahre lang für VW Autoteile befördert hat.

Nachts durch die Stadt

Die Güterstraßenbahn verband das Logistikzentrum in Dresden-Friedrichstadt mit der Gläsernen Manufaktur am Großen Garten, wo Volkswagen Autos der Marken Phaeton und Bentley montierte. Als die Fertigung in Dresden endete, wurde der Güterverkehr eingestellt. Doch die beiden CarGoTrams werden weiterhin betriebsfähig vorgehalten.

„Wir sprechen mit der BVG darüber, ob die Straßenbahn genutzt werden könnte, um Container mit Warenlieferungen in die Innenstadt zu bringen“, berichtete Staatssekretär Kirchner. Die Container könnten in Straßenbahn-Betriebshöfen wie Marzahn oder Lichtenberg auf Güterwagen geladen werden. Danach würden sie zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark oder der Kniprodestraße in Prenzlauer Berg gefahren. Dort befinden sich Kehranlagen, die von der Straßenbahn zum Wenden genutzt werden – mit Abstellgleisen, die Platz für die Güterwagen bieten.

Die Fahrten könnten in der Nacht stattfinden, wenn weniger Bahnen mit Fahrgästen unterwegs sind. Dann würden die Container auch entladen und anschließend wieder zurückgefahren, so Kirchner.

City Hub – so heißt das Logistikkonzept, das seine Fachleute derzeit in Zusammenarbeit mit Logistikunternehmen erstellen. Es ist eine Reaktion auf einen neuen Lebensstil, der an Bedeutung gewinnt: Immer mehr Menschen bestellen Waren im Internet. Doch die Bequemlichkeit hat Schattenseiten, die sich vor allem im Zentrum zunehmend bemerkbar macht: Der Lieferverkehr belastet Straßen und Parkplätze.

Das City-Hub-Konzept soll diesen Verkehr verringern, so Kirchner. „Jeweils möglichst viele Warenlieferungen werden in Containern zusammengefasst, mit Lkw zu definierten Standorten innerhalb des S-Bahn-Rings transportiert und von dort mit Elektro-Lastenfahrrädern zu den Empfängern gebracht. Das soll die Straßen entlasten, und auf der letzten Meile wären Lieferungen künftig ohne Lärm und Abgase unterwegs.“ Hub ist das englisch Wort für Knotenpunkt – dort würden die Container abgesetzt und entladen. Erste Ideen gebe es bereits: „Ein Containerplatz könnte im Gewerbegebiet am Mauerpark entstehen.“

Doch die Container mit den vielen Bestellungen von Amazon, Zalando und Co. sollten nicht nur mit Lastwagen zu den Zwischenlagern in der Innenstadt befördert werden, sagt der Grünen-Politiker. Schließlich führen auch Straßenbahngleise dorthin. Ein erstes Gespräch mit Sigrid Evelyn Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), gab es bereits, sagte Kirchner: „Uns wurde zugesagt, dass geprüft werden soll, ob bei der BVG geeignete Güterwagen vorhanden sind und ein solcher Verkehr möglich wäre.“

Gütertransport mit Straßenbahnen – das hat es in Berlin schon gegeben. Bis 1935 verband die Poststraßenbahn, die Pakete beförderte, Postämter in der Innenstadt. Im Zweiten Weltkrieg belieferten Güterzüge Markthallen, oder sie transportierten Massengüter von den Häfen ins Zentrum. Auch Zeitungsdruckpapier und Zeitungen kamen zum Teil per Straßenbahn. Zu DDR-Zeiten pendelten nachts Arbeitstriebwagen mit Güterwagen zwischen Niederschönhausen und Oberschöneweide. Sie verbanden zwei Betriebsteile des Transformatorenwerk Oberspree. Doch am 24. April 1990 war damit Schluss.

BVG will den Vorschlag prüfen

„Natürlich – das kann man prüfen“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz zu dem Vorschlag des Staatssekretärs. Doch viele Themen müssten noch untersucht werden. Ein Beispiel: „Unsere Betriebshöfe haben Nachbarn, die nachts schlafen wollen“ – ein dichter Lkw-Verkehr wäre störend. Ein anderes Beispiel: „Auch nachts sind im Berliner Straßenbahnnetz Züge mit Fahrgästen unterwegs“ – das könnte die Kapazität für Güterbahnen beschränken. Und auch die Kehranlagen würden für den regulären Verkehr benötigt.

Die BVG schlägt vor: Ein Start-up könnte ein Konzept erstellen. Wenn es konkrete Ideen (auch für die Finanzierung) gebe, würde dies die weiteren Planungen erleichtern.