Lokal in Berlin-Charlottenburg: Szenelokal "Kastanie" wechselt die Besitzer

Die ersten Gäste sitzen schon am Vormittag draußen beim Kaffee über ihrer Zeitung. Rüdiger Brandt und Peter Reuss treffen in ihrem Lokal in der Charlottenburger Schlossstraße die letzten Vorbereitungen für den Tag: Reuss ist am Telefon, Brandt bringt noch einen Sack Kartoffeln in die Küche. Um solche Dinge müssen sie sich bald nicht mehr kümmern. Denn ihr Lokal, die „Kastanie“ wechselt in diesen Tagen die Besitzer. Nach mehr als 40 Jahren.

Rüdiger Brandt sagt, dass er mit Blick auf den Ruhestand weder Wehmut noch Vorfreude empfinde: „Das Gefühl ist einfach nur sehr merkwürdig, das ist hier ein Lebenswerk.“

Linker Kiez

Uschi, die heutige Ehefrau von Peter Reuss, hatte das leerstehende Lokal 1973 ausfindig gemacht. Links der Tresen, rechts die Stehtische, hinten ein kleiner Raum mit 40 Plätzen, draußen mit 120. Vor der Tür stand damals eine riesige Kastanie, die dem Laden den Namen gab. Es entstand ein Kneipenkollektiv von sieben Studenten, das bald zu bröckeln begann, denn Studium und Kneipe – das ging nicht zusammen. Reuss, der 1970 aus Franken gekommen war und Hochspannungstechnik an der TU studierte, seine Frau und Rüdiger Brandt – alle damals zwischen Mitte 20 und Anfang 30 – wollten die „Kastanie“ aber nicht aufgeben. „Also hieß es: Gut, sind wir jetzt eben Gastwirte“, sagt Reuss.

Die „Kastanie“ war bald fester Anlaufpunkt im studentischen Leben, wegen ihrer Nähe zur TU und natürlich der Lage im strikt linken Kiez, der im Volksmund damals „Roter Kiez“ und „Kleiner Wedding“ gerufen wurde: Hinterhof folgte auf Hinterhof, Wohnungen hatten Außentoiletten, aber die Mieten waren billig. In dieser Atmosphäre passte es, dass es in der „Kastanie“ Schmalzstulle und Rollmops gab, Bier und Wein – und nächtelange Debatten politisierter Studenten, oft bis fünf Uhr morgens. Die anarchistische Kabarettgruppe Die 3 Tornados um Arnulf Rating trat in ihrer Anfangszeit hier auf. Und nach den 1. Mai-Demos hing hier immer die rote Fahne in der Kastanie.

Die Schlossstraße mit ihrer Geschichte war der ideale Ort: Auf der Ostseite der Straße bewohnten im 19. Jahrhundert die Großbürger prächtige Bauten, darunter die Villa Oppenheim. Auf der Westseite lebten die kleinen Leute, Zilles Milljöh: Bedienstete des nahen Schlosses, Arbeiter und Angestellte. In den 1920er- und 30er-Jahren war der Widerstand gegen die Nazis hier groß.

Treue Stammgäste

1963 wies der Senat den Kiez als Sanierungsgebiet aus: Teils wurden Häuser entkernt, teils durch Neubauten ersetzt, viele Anwohner wurden umgesetzt. In der Bevölkerung formierte sich Widerstand, hier bildete sich 1973 die erste Berliner Mieterinitiative. In den 80er-Jahren war die Gegend zwischen Schloss- und Sophie-Charlotten-Straße die Hochburg der Charlottenburger Hausbesetzerszene. Und mittendrin die „Kastanie“. Noch heute spricht Peter Reuss von der damaligen „Kahlschlagsanierung“.

Doch nicht nur Systemkritisches hatte in der „Kastanie“ seinen Ursprung. Rüdiger Brandt pocht darauf, dass die Kneipe den französischen Nationalsport Boule in Berlin etabliert hat: „Wir haben 1975 aus der Provence Kugeln mitgebracht.“ Der kiesige Mittelstreifen gegenüber bot ideale Voraussetzungen. Jedes Jahr gab es zwei Tage lang ein Turnier mit mehr als 200 Leuten. Doch eines Tages wurde der Aufwand zu groß.

Wie sehr sich hier vieles verändert hat, zeigt ein Blick in die damalige Presse. Während die „Kastanie“ in den 80er-Jahren in einem Kneipentipp als „Charlottenburger Treffpunkt linksintellektueller Bier- und Weinliebhaber“ galt, hieß es Mitte der 90er-Jahre, „das Publikum wird von Alt-Alternativen geprägt, die alle irgendwie wie Lehrer aussehen“. Die Gäste waren bürgerlich geworden, viele hatten geheiratet, die Einkommen waren gestiegen.

Die Wohnungsbaugesellschaft WIR, heute Gewobag und damals Rechtsnachfolgerin der Neuen Heimat, die zu Sanierungszeiten eine Vielzahl von Häusern besaß, teilte das Haus in der Schlossstraße 22 im Jahr 1997 auf und verkaufte die Einheiten an die Mieter. „Wir bekamen das Lokal relativ günstig“, sagt Peter Reuss. Noch immer wohnen die gleichen Leute im Haus wie damals. Immer wieder grüßt Peter Reuss beim Gespräch Leute, die vorbeigehen, mit ihrem Vornamen. Die „Kastanie“ ist in der Nachbarschaft stark verankert: Als etwa Ende der 80er-Jahre die Mitarbeiter einen Betriebsausflug machten, übergaben sie das Zepter an die Stammgäste, die sich an den Zapfhahn stellten und selbst bedienten.

Ist so etwas heute noch denkbar? „Wir haben treue Stammgäste“, sagt Peter Reuss. Aber die Veränderungen halten an: Modernisierungen, Neubauten, die große Nachfrage nach der Innenstadt, Anpassungen der Mieten, immer mehr Touristen.

Neue Wirtin

Immerhin, ihre Nachfolgerin Sabine Janssen plant jedenfalls keine Veränderungen. Sobald sie das Grundstück betrete, fühle sie sich geborgen, sagt sie. „Die Atmosphäre, die Abwesenheit elektronischer Medien und die Konzentration aufs Wesentliche“ – mache die „Kastanie“ aus. Janssen übernimmt auch die zwölf Mitarbeiter, das war Verkaufsbedingung. Einige sind seit 30 Jahren dabei.

Und jetzt? Stehen für die Aussteiger große Pläne an? Beide winken ab. Rüdiger Brandt pendelt zwischen Berlin und Quappendorf im Oderbruch, dort hat er vor zehn Jahren einen alten Vierseithof angemietet und den Verein „Kultur auf dem Lande“ gegründet, als Kontrastangebot zur Hochkultur im Schloss Neuhardenberg. Und Peter Reuss hat mit seiner Frau einen Garten in Kladow. Berlin zu verlassen kommt nicht in Frage. „Wenn ich aus Kladow reinfahre und in der Ferne die Goldelse sehe – da geht mir das Herz auf.“

Die große Kastanie, in der früher die rote Fahne wehte, fiel übrigens vor Jahren einem Gasschaden zum Opfer – die Betreiber haben damals im Vorgarten eine neue gepflanzt.