Berlin - Das Musikfestival Lollapalooza am 10. und 11. September im Treptower Park ist offiziell genehmigt, doch die Proteste reißen nicht ab. Jetzt gibt es eine erste Klage von Anwohnern. Sie richtet sich vor allem gegen die Lärmbelastung, wie Rechtsanwalt Christian Möbus der Berliner Zeitung am Freitag sagte.

„Die Anwohner wollen sich nicht damit abfinden, dass sie Tage hintereinander unter einem Lärmpegel von 90 Dezibel leiden sollen“, so der Anwalt. Diese Lautstärke, die in etwa der eines vorbeidonnernden Lkw entspricht, wird von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für zumutbar gehalten. „Diese Belastung ist aber deutlich höher als in einem Wohngebiet zulässig“, sagte Möbus.

Eilantrag nicht möglich

Allein die Tatsache, dass etwa 20 Seiten des Genehmigungsbescheids zum Thema Lärm aus Auflagen bestehe, wonach der Veranstalter Hunderten Anwohnern Ersatzquartiere anbieten müsse, zeige die Dramatik. 90 Dezibel von vier Bühnen und Lärm von 140.000 Besuchern, das sei nicht auszuhalten, sagen die Anwohner.

Eigentlich wollte der Anwalt die Klage am Freitag beim Verwaltungsgericht als Eilantrag einreichen. Doch das war nicht möglich, weil er den Bescheid, den er bei Gericht vorlegen muss, noch nicht hatte. „Man hat mir gesagt, das Dokument werde mir per Post zugeschickt“, sagte Möbus. Er hofft, dass es am Montag eintrifft.

Möbus vertritt nicht nur Bewohner, sondern auch medizinische Einrichtungen am Park. In einem Geburtshaus sind für das betreffende Wochenende 35 Entbindungen angemeldet. Dass es angesichts von Straßensperrungen und Umleitungen schwierig bis unmöglich sein könnte, werdende Mütter bei Komplikationen rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen, wird dort befürchtet.

Millionenstrafe bei Absage

Auch die Sicherheit sei ein wichtiges Thema, so Anwalt Möbus. Gerade in Zeiten von Terrorgefahr müsse akribisch geprüft werden, ob der Park überhaupt ausreichend zu schützen sei. Das 100-seitige Sicherheitskonzept liegt bei Polizei und Feuerwehr.

Das Festival Lollapalooza stammt aus den USA, dort ist es seit 25 Jahren sehr erfolgreich. 2015 fand die Berlin-Premiere statt. Zehntausende tanzten auf dem Vorfeld des einstigen Tempelhofer Flughafens. Veranstalter und Berlin hatten einen Dreijahresvertrag abgeschlossen. Weil in den Hangars jetzt Flüchtlinge wohnen, fiel der Ort für 2016 aus. Bei einer Absage durch das Land wäre eine Konventionalstrafe in Millionenhöhe fällig gewesen.

Die Suche nach einem Ersatzort überließ der Senat dem Veranstalter. Dieser prüfte mehrere Orte, darunter das BER-Gelände, das mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar ist. Oder das Olympiastadion, in dem die Pyronale stattfindet. Die Trabrennbahn Karlshorst, die zu klein ist. Auch das Tempelhofer Feld, auf dem wegen des Tempelhof-Gesetzes keine Aufbauten erlaubt sind.

Der Treptower Park war von Anfang an umstritten, denn er ist ein Gartendenkmal, das zudem gerade für 13,5 Millionen Euro saniert wird. Die Denkmalschützer in Treptow-Köpenick hatten die Genehmigung verweigert. Sie wurden vom Senat angewiesen, ihre Entscheidung zu revidieren.

Der Dissens zwischen Senat und Bezirk hat einen Streit darüber entfacht, ob solche Veranstaltungen in Berlins denkmalgeschützten Anlagen noch zeitgemäß sind. Bürgermeister Oliver Igel (SPD) forderte ein Verbot. Jederzeit könnte ein weiterer Antrag gestellt werden. Igel: „Das Grünanlagengesetz allein reicht nicht aus, um so etwas zu verhindern.“ Der Bezirk hatte Lollapalooza offiziell genehmigt – „mit Bauchschmerzen“, wie es hieß. Dass der Veranstalter unter anderem drei Millionen Euro hinterlegen musste, um für Schäden aufzukommen, ist da nur ein kleiner Trost.

Igel sind gefährdet

Naturschützer warnen vor anhaltenden Gefahren, wie Andrea Gerbode von den Grünen sagte. Die Natur werde einen hohen Preis zahlen für zwei Tage feiern. Das Leibniz-Institut für Zoo und Wildtierforschung habe ermittelt, dass im Treptower Park Berlin-weit die meisten Igel leben. Er gilt sozusagen als Igel-Hotspot, der gefährdet sei.

Das Bezirksamt lädt für den 1. September zur Bürgerversammlung ins Rathaus Treptow ein. Neue Krugallee 4, Beginn ist 18 Uhr.