Berlin - Der Aufbau geht sichtbar voran. Im Treptower Park, der in großen Teilen mit  Zäunen abgesperrt ist, sind Wege und Rasenflächen mit hellgrauen Bodenplatten ausgelegt. Darauf fahren schwere Transporter, die weitere Zäune und Teile für die Bühnen bringen. In gut einer Woche, am 10. und 11. September, soll im Park das Musikfestival Lollapalooza stattfinden. Auf vier Bühnen sollen 45 Bands auftreten, insgesamt 140.000 Menschen werden erwartet. Das Festival ist an beiden Tagen komplett ausverkauft, das Interesse ist ganz offensichtlich riesig.

Doch auch der Ärger ist groß, vor allem bei den Anwohnern. Seit Mittwoch dieser Woche liegt ihre Klage beim Verwaltungsgericht, das in den nächsten Tagen darüber entscheiden will. Die Anwohner beklagen  eine Beeinträchtigung ihrer  Grundrechte, vor allem beim Lärmschutz. Ihre Klage richtet sich gegen die Genehmigung der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Deren positiver Bescheid wurde mit der „herausragenden Bedeutung der Veranstaltung für Berlin“ begründet.

Für die Musikkultur, den Tourismus, die Attraktivität und das Image der Stadt. Deshalb seien der Nachbarschaft die „erheblichen Belästigungen“ zumutbar – unter erheblichen Auflagen: Auf 15 Seiten werden insgesamt 1615 Wohnungen aufgelistet, für die die Veranstalter Ersatz-Unterbringung besorgen müssen. Es ist das erste Mal in Berlin, dass bei Veranstaltungen so entschieden wurde.

Lollapalooza-Veranstalter von den vielen Adressen überrascht

Die Senatsverwaltung bezieht sich auf das Berliner Immissionsschutzgesetz. Danach können Veranstaltungen im Freien genehmigt werden, wenn „dies unter Berücksichtigung des Schutzbedürfnisses der Nachbarschaft zumutbar ist“. Hier bedeutet es: Für alle 1615 Wohnungen, 750 davon auf der Halbinsel Stralau, wurde der zu erwartende Veranstaltungslärm berechnet. Beträgt er einen halben Meter vor dem geöffneten Fenster höher als 80 Dezibel, haben die Bewohner Anspruch vom 10. September 8 Uhr bis 12. September 10 Uhr Anspruch auf Ersatzquartiere. Etliche vor allem ältere Bewohner lehnen dies ab, in der Anwohnerklage ist von „Vertreibung mittels Lärm“ die Rede.

Andere wiederum sehen sich in ihrem Anspruch missachtet: Einer Mieterin aus der Moosdorfstraße etwa, deren Wohnung auf der Liste steht, wird ein Ersatz verwehrt. „Leider kann ich Ihnen kein Hotelangebot machen“, heißt es in einer E-Mail des zuständigen Lollapalooza-Mitarbeiters. Für wie viele Wohnungen bislang Ersatz angeboten wurde, konnte der Veranstaltungs-Sprecher Tommy Nick, am Donnerstag nicht sagen.

„Wir sind mit den Anwohnern im Kontakt und bemühen uns, so gut wie möglich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse einzugehen“, sagte er. Man sei überrascht worden von den vielen Adressen, denen man jetzt erst Anwohner zuordnen müsse, sagte ein Vertreter am Donnerstagabend. Die Anwohnerin aus der Moosdorfstraße hat Lollapalooza aufgefordert, ihrer Familie zuzusichern, dass  die Kosten für eine Unterbringung übernommen werden. Andernfalls  werde man dies vor Gericht einklagen.

Drei Millionen Euro Kaution für Reparaturen

Der allgemeine Unmut rührt auch daher, dass der Treptower Park gerade für 13 Millionen Euro denkmalgerecht saniert wurde. Deshalb hatte das bezirkliche Denkmalamt die Genehmigung versagt. Es wurde vom Senat angewiesen, dies zu revidieren. Der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick Oliver Igel (SPD) forderte den Senat auf, Events in Gartendenkmalen gesetzlich zu verbieten. Das Grünflächenamt hatte seine Genehmigung mit fast 50 Auflagen erteilt, wie  Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) am Donnerstagabend vor rund 200 empörten  Anwohnern versuchte zu erläutern.

Drei Millionen Euro Kaution mussten die Veranstalter hinterlegen, für die Reparatur möglicher Schäden im Park. Bäume und Gärten müssen umzäunt und durch Security bewacht werden. Das sowjetische Ehrenmal wird extra gesichert. Vertreter der Veranstalter teilten mit, dass während des Festivals ein privater Shuttlebus zwischen den S-Bahnhöfen Treptower Park und Plänterwald fährt. Die BVG hatte ihre Linien zurückgezogen.