Berlin - Jörg Steinert ist ein Freund deutlicher Worte und als Vorsitzender des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Berlin-Brandenburg ein politikerfahrener Mann. Er weiß, was es heißt, wenn er einen Brief veröffentlicht, in dem er schreibt: „Als Konsequenz der rückschrittlichen Entwicklung trete ich mit sofortiger Wirkung von meinem Aufsichtsratsposten zurück. Zugleich trete ich aus dem Verein aus.“ Der Verein ist der Fußballklub Türkiyemspor aus Kreuzberg, lange Jahre gehätschelter Vorzeigeintegrationsverein, ausgezeichnet mit allerlei gut gemeinten Preisen.

Mit Steinerts Ankündigung endet eine Kooperation, die 2006 begonnen hatte. Ein türkisch dominierter Fußballverein arbeitet mit einem Lobbyverein für die Gleichstellung Schwuler zusammen – das schien Schranken zu überwinden. Steinert ging in den Aufsichtsrat und lobte den fortschrittlichen Charakter des Klubs.

Doch das ist vorbei. Aktueller Anlass ist ein Streit um Türkiyems Dritte Herrenmannschaft aus der Freizeitliga. Sie trägt Trikots mit dem Logo des LSVD, der die Hemden bezahlt hat. Wie es Steinert darstellt, seien die Kicker – mehrheitlich heterosexuell, wie er sagt – vom Verein vom Spielbetrieb abgemeldet worden, nachdem man sie zuvor immer wieder gemobbt hatte.

Kein klares Bekenntnis vom Verein

Der Verein äußert sich dazu nicht. Im Tagesspiegel wird aber ein Vorstand zitiert, die Abmeldung habe nichts mit Homophobie zu tun. „Aber wir müssen auch Respekt vor Mitgliedern haben, vor ihrer Religion und ihren Vorstellungen.“

Ganz offenbar waren diese Vorstellungen am Ende nicht mehr mit dem Selbstverständnis des LSVD vereinbar. Steinert berichtet, dass zuletzt vor allem aus der Jugendabteilung hässliche, ausgrenzende Sprüche kamen. „In dieser Situation fehlte einfach ein klares Bekenntnis vom aktuellen Vorstand zur weiteren Zusammenarbeit“, sagt er. Also sei er gegangen.

Dazu muss man wissen, dass Türkiyems große sportliche Zeiten mehr als 20 Jahre zurückliegen, was wohl auch mit häufig wechselnden Vorständen zu tun hat. Ende der 80er-Jahre war der Klub die Nummer 3 in West-Berlin hinter Hertha BSC und (damals noch) Tennis Borussia. Man wurde Berliner Meister. Höhepunkt war 1988 eine Partie gegen Hertha vor 12 000 Zuschauern im Katzbachstadion in Kreuzberg. Berlins Türken fanden sich wieder in dem Verein, der übersetzt „Meine Türkei“ heißt und engagierten sich auch finanziell. Ein paar Jahre später wäre man fast in die Zweite Liga aufgestiegen.

Wäre. Fast. Mittlerweile – nach Abstiegen, permanentem Personalwechsel und um die Erkenntnis reicher, dass Geldgeber nicht unbegrenzt in intransparente Strukturen investieren, kämpft Türkiyemspor in der siebtklassigen Landesliga um den Klassenerhalt.

Freizeitkick mit Prinz Charles

Ironischerweise zeitgleich mit dem sportlichen Abstieg ging ein gesellschaftlicher Aufschwung vonstatten. Auch hier gab es einen Höhepunkt: den Besuch von Prinz Charles bei einem Kick von Imamen gegen Pfarrer im Jahr 2009. Der Verein wurde als Beispiel für Integration gepriesen: zunächst die Integration von Türken in den deutschen Fußballbetrieb; später die Integration von Deutschen und anderen in einen türkisch-dominierten Klub; noch später die Integration von Frauen und Mädchen in die Männer- und Jungsdomäne Fußball; schließlich die Integration Homosexueller in die oft als homophob empfundene migrantische Gesellschaft.

Möglicherweise war es des Guten etwas viel, wurden einige im Verein überfordert. Auf der Homepage ist noch nichts von Veränderungen im Aufsichtsrat zu lesen. Dort wird immer noch Cetin Özaydin zitiert, der Vorsitzende des Fördervereins, der den Kampf gegen Ausgrenzung als gemeinsames Ziel beschreibt: „Die Mechanismen sind doch die gleichen, ob es jetzt um Türken, Schwule, Juden oder politisch Andersdenkende geht.“