In der Diskussion um die Zukunft des Flughafens Tegel hat die Lufthansa eine Kehrtwendung vollzogen. Bislang hatten sich hochrangige Mitarbeiter der Airline stets dagegen gewandt, dass neben dem BER weitere Verkehrsflughäfen in der Hauptstadt-Region betrieben werden, und die nun für Herbst 2020 geplante Schließung Tegels unterstützt. Jetzt hat sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr öffentlich dafür ausgesprochen, den Weiterbetrieb zu prüfen.

Kunden und viele in der Öffentlichkeit erwarten „zu Recht von allen Beteiligten, dass wir die Frage der Offenhaltung von Tegel mit Blick auf die aktuelle Entwicklung des Luftverkehrs neu bewerten“, sagte Spohr in seiner Rede während des Lufthansa-Neujahrskonzerts am Dienstagabend im Konzerthaus Berlin. Dafür bekam er lang anhaltenden Applaus von vielen Gästen im fast voll besetzten Saal.

Kritik an Flughafen Berlin-Tegel: „veraltete Technik“ und „personelle Probleme“

Spohr sprach von „unhaltbaren Zuständen“ in Tegel. 2018 habe sich erneut gezeigt, dass der Flughafen für die jetzigen hohen Passagierzahlen einst nicht geplant worden sei. Wie schon in seinen früheren Neujahrsreden würdigte der Vorstandsvorsitzende das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Tegel. Spohr kritisierte aber „veraltete Technik“ und „personelle Probleme“ in TXL – zum Beispiel 100 Meter lange Warteschlangen.

Der Lufthansa-Chef äußerte Zweifel, ob der neue Flughafen BER in Schönefeld das erwartete weitere Wachstum bewältigen wird. Darum sprach er sich dafür aus, die Frage der Offenhaltung neu zu bewerten.

Die Kehrtwendung der Lufthansa stieß am Mittwoch in Berlin auf unterschiedliche Reaktionen. „Auch in der Vergangenheit ist die Lufthansa hin und wieder mit vorsichtig formuliert ‚originellen‘ Stellungnahmen in den Medien präsent gewesen. Ein Schelm, wer Strategie vermutet“, sagte Senatssprecherin Claudia Sünder auf Anfrage. „Mit der Inbetriebnahme des BER wird der Wettbewerb unter den großen deutschen Verkehrsflughäfen stärker. Das weiß natürlich auch die Lufthansa. Trotzdem muss es für die größte deutsche Airline elegantere Möglichkeiten geben, für die von Ihr präferierten Standorte jenseits der Hauptstadt zu werben, als den Konsensbeschluss der drei öffentlichen Gesellschafter der Flughafengesellschaft in Frage zu stellen. Unabhängig davon, dass öffentliche Äußerungen der Lufthansa immer wieder zu Irritationen führen, gehen wir davon aus, dass die Lufthansa als großer Player auf dem Luftverkehrsmarkt der Hauptstadtregion auch zukünftig auf dem BER entsprechend vertreten sein wird.“

BER: Dauerbaustelle voller Einschränkungen

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja lobte Carsten Spohr.  „Das Bekenntnis der Lufthansa zu Tegel ist mehr als eine Orientierung an den aktuellen Entwicklungen im Luftverkehr, es ist Misstrauenserklärung an die FBB und die Zukunftsfähigkeit des BER“, sagte er am Mittwoch. „Der hochgepriesene Masterplan 2040 – die einzige Lösung der FBB auf die zukünftigen Herausforderungen – ist damit endgültig durchgefallen. Die drohenden Kapazitätsengpässe am BER, die Ausschicht auf eine Dauerbaustelle voller Einschränkungen und nicht zuletzt die Großflughafenpläne bei Warschau erfordern ein grundlegendes Umdenken für den Luftverkehrsstandort Berlin-Brandenburg. Wenn Deutschlands größte Airline und eine Million Bürger diesen Zweifel äußern, muss der Senat sofort seinen Anti-TXL-Kurs ändern.“ 

Dagegen bekräftigte SPD-Fraktionsvize Jörg Stroedter, dass die rot-rot-grüne Koalition in Berlin an ihrer Luftverkehrspolitik festhalte. „Am BER ist genug Platz. Tegel wird wie geplant geschlossen. Unsere Politik ist eindeutig“, sagte der Abgeordnete der Berliner Zeitung. Er habe „kein Verständnis“ für die Äußerungen Spohrs. „Bislang hat sich diese Airline Berlin gegenüber nicht besonders freundlich verhalten“, so Stroedter.

Frankfurt am Main, München, inzwischen auch Wien und Zürich seien für den Konzern offensichtlich wichtiger als Berlin. Die Idee Spohrs sei unausgegoren: „Will die Lufthansa am BER und in Tegel präsent sein? Oder nur in Tegel und der neue, mit Milliardenaufwand gebaute neue Flughafen südöstlich von Berlin wäre nur für Low-Cost-Carrier zuständig?

Lufthansa-Manager unterstützte 2017 noch Schließungpläne für Flughafen Tegel

Noch 2017 hatte der damalige Lufthansa-Manager Thomas Kropp, damals Leiter der Konzernpolitik, die Schließungspläne des Senats unterstützt. „Die Diskussion, ob Tegel für den Flugverkehr offen bleiben sollte, kann dem Luftverkehrsstandort Berlin-Brandenburg schaden“, sagte Kropp damals der Berliner Zeitung. Es gebe keinen Anlass, an dem verkehrspolitischen Konsens zu rütteln: Tegel werde geschlossen – und der BER in Schönefeld sei dann künftig der einzige Verkehrsflughafen in der Hauptstadt-Region.

Denn es gebe „sachliche Gründe, den Luftverkehr in dieser Region an einem Standort, dem BER, zu bündeln. Nur mit einem Single-Airport ließe sich ein ausreichend großes Passagieraufkommen erreichen, das notwendig ist, damit nennenswerter Umsteigeverkehr entstehen kann“, so der Lufthansa-Manager im Januar 2017.

Die Region Mailand musste erleben, was es bedeutete, wenn der Luftverkehr nach dem Bau eines neuen Airports nicht gebündelt wird, warnte Kropp damals. „Weil der relativ zentrumsnahe Flughafen Linate entgegen der ursprünglichen Planung weiter betrieben wird, ist der große neue Flughafen Mailand-Malpensa 60 Kilometer vor der Stadt nicht annähernd ausgelastet. Das Drehkreuz mit Umsteigeverkehr, das dort vorgesehen war, konnte in Malpensa nicht entstehen. Andere europäische Airports profitieren jetzt davon“, sagte er. Mit der Entscheidung, Linate offen zu halten, habe sich Italien enorm geschadet, so Thomas Kropp. Im vergangenen Jahr ist er in den Ruhestand gegangen.